Sachertorte, Soziale Vergabe und Nachhaltigkeit

Christoph Parak, langjähriger Geschäftsführer von arbeit plus Wien, dem Wiener Dachverband Sozialer Unternehmen im Netzwerk von arbeit plus, übernahm mit April 2022 die Geschäftsführung von Wien Work.

arbeit plus Öffentlichkeitsarbeiterin Martina Könighofer hat ihn im Sommer im Speiseamt Seestadt besucht und mit ihm über die Angebote von Wien Work, Nachhaltigkeit, Soziale Vergabe und nicht zuletzt die beste Sachertorte der Stadt gesprochen.

Martina: Christoph, hier herrscht ja heute einiges Getümmel! Kameraleute, … was geschieht hier?

Christoph: Wir drehen heute ein Imagevideo, in dem die Angebote der acht Integrativen Betriebe in Österreich präsentiert werden. Die reiche Angebotspalette, die hohe Qualität der Dienstleistungen und Produkte und die arbeitsmarktpolitischen Aspekte sollen in den Fokus gerückt und einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Martina: Apropos „reiche Angebotspalette“ – das Gastro-Angebot des Speiseamtes Seestadt ist ja eines von vielen Angeboten. Die Datenbank Sozialer Unternehmen von arbeit plus spuckt beim Suchbegriff “Wien Work” 12 Standorte aus – mit Angeboten, die von A wie Autowaschanlage bis Z wie Zuckerbäckereien reichen, scheint hier alles vertreten.

Christoph: Ja, Wien Work überzeugt mit einem umfassenden Angebot an maßgeschneiderten Dienstleistungen und Produktionen für Privat- und Firmenkund*innen in den Bereichen Holztechnik & Möbeltapezieren, Textilreinigung, Bügel- & Nähservice, Reinigungstechnik, Grünflächenservice, Renovierung & Instandhaltung, Digital Media und – wie hier in der Kantine „Speiseamt Seestadt“ – in der Gastronomie. Wir sind also sehr breit aufgestellt.

Allerdings ist dies nur eine unserer drei starken Säulen mit unterschiedlichem Fokus, aber einem gemeinsamen Ziel: Bei uns arbeiten mehr als 60 Prozent Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und auch langzeitarbeitslose Menschen, die wir dabei unterstützen, aktive Teilhabe am Wirtschafts- und Gesellschaftsleben zu erlangen und ihre eigenständige Existenzsicherung zu bestreiten.

Martina: Was sind die zwei weiteren Säulen, mit denen ihr aufbauend inklusiv tätig seid?

Christoph: Eine weitereSäule im Organigramm von Wien Work ist der Bereich der inklusiven Berufsausbildung. Wir bilden rund 180 Lehrlinge mit Mehrfachbehinderungen in elf Lehrberufen praxisnah aus. Besonders in Zeiten des Fachkräftemangels leistet Wien Work hier nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Integration von am Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen, sondern erfüllt auch einen wichtigen Bildungsauftrag.

Die dritte Säule läuft bei uns unter dem Begriff „Jobmanagement“. Hier wird professionell beraten, gecoacht, qualifiziert, trainiert und vermittelt. Unter anderem im Rahmen des Jugendcoaching an der maßgeblichen Schwelle zwischen Schule und Berufsleben, der Arbeitsassistenz für Menschen mit Behinderung oder bei der Gründungsberatung, in der unsere Kolleg*innen am Weg in die berufliche Selbständigkeit unterstützen. Die Gründungsberatung für Menschen mit Behinderung gibt es übrigens in ganz Österreich nur einmal.

Martina: Cool, das ist ja eine Menge toller Angebote. In der Datenbank Sozialer Unternehmen sind diese Angebote für Arbeit- und Lehrstellensuchende und Menschen, die sich über die unterschiedlichen Möglichkeiten beraten lassen oder im Sozialökonomischen Betrieb mitarbeiten möchten, übrigens mit „Tätigkeitsbereiche“ benannt und mit grauen Icons gekennzeichnet.

Christoph, ich glaube jetzt geht’s in die Küche!

Martina: Eure Lehrlinge, die hier unter Anleitung von Frau Bortoli, einer Konditormeisterin mit Spitzengastronomie-Erfahrung, die tollsten Torten zaubern, erlernen also hier den Lehrberuf des Konditors/der Konditorin. Obwohl die Pâtisserie ihren fixen Platz in der österreichischen Gastronomie und Hotellerie hat, zählt das Berufsbild des Konditors/ der Konditorin in manchen Bundesländern bereits zu den offiziell gelisteten Mangelberufen.

Christoph: Es ist ein Markenzeichen Sozialer Unternehmen, dass sie auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes reagieren und sich daran orientieren, was die lokale Wirtschaft dringend braucht. Unsere zahlreichen Unternehmenskooperationen sind der beste Beweis dafür. Gleichzeitig ist das Ausbildungsprogramm exakt auf junge Menschen mit Lernbehinderungen sowie sozialen Benachteiligungen zugeschnitten und ermöglicht ihnen den Einstieg in die Berufswelt nach dem Abschluss ihrer Lehrausbildung bei Wien Work.

Martina: Wien Work bietet also Kulinarik nicht nur hier in der Seestadt an, sondern auch im Restaurant Michl’s im 1. Bezirk, es gibt das Michl’s Catering, Kantinen, Caféhäuser und ihr betreibt die Küchen in vier Seniorenwohnhäusern des Kuratorium Fortuna. Dort kochen die Mitarbeiter*innen des Integrativen Betriebes an sieben Tagen die Woche für deren Bewohner*innen, Besucher*innen und Mitarbeiter*innen.

Als Geschäftsführer von arbeit plus Wien hast du stets den Mehrwert Sozialer Vergabe betont und dich dafür eingesetzt. Sind diese Kooperationen gute Beispiele dafür, wie du dir eine erfolgreiche Umsetzung sozialer Vergabe wünscht?

Christoph: Den Mehrwert sozialer Vergabe würde ich in zwei Punkten zusammenfassen:

  1. Für Soziale Unternehmen ist es wichtig, Aufträge anzunehmen und auszuführen, die es ihnen ermöglichen, tatsächlich konkrete Aufträge zu erfüllen und abzuarbeiten. Sinnstiftendes Arbeiten ist für uns sehr wichtig, sei es in der Produktion oder im Dienstleistungsbereich.
  2. Die zentrale Aufgabe Sozialer Unternehmen ist es, benachteiligte Menschen zu beschäftigen, egal ob es nun Langzeitarbeitslose sind oder Menschen mit Behinderungen. So können sie ihren Integrationsauftrag erfüllen, sei es durch dauerhafte Beschäftigung im Integrativen Betrieb oder im Rahmen eines Transitarbeitsplatzes wie im arbeitsmarktpolitischen Kontext. Fast alle Sozialen Unternehmen sind gemeinnützig. Zur Förderung von Gemeinnützigkeit erachte ich es als schlüssig und notwendig, wenn die öffentliche Hand – also Gebietskörperschaften, Stadt, Land und Bund, die ja Aufträge auszuschreiben haben – diese auch nach sozialen Kriterien vergibt und somit die Aufträge im Sinne der Allgemeinheit und als Beitrag zu gesellschaftlicher Kohäsion erfüllt werden können. Deshalb appelliere ich dafür, den § 23 im Bundesvergabegesetz für vorbehaltene öffentliche Vergabe viel stärker zugunsten sozialer und beruflicher Integration zu berücksichtigen und gemäß des aktuellen Regierungsprogramms öko-soziale Vergabekriterien fix zu etablieren.

Weitere Beispiele sind etwa die seriengefertigten Küchen, die in der Tischlerei von Wien Work für die Stadt Wien professionell gefertigt und von unseren Mitarbeiter*innen montiert werden – das sind bis zu 150 Stück pro Jahr. Oder etwa die personalisierten Behindertenpässe im Scheckkartenformat, die unsere Abteilung „Digital Media“ im Auftrag des Sozialministeriums produziert.

Martina: Wien Work ist auch mit dem Gütesiegel für Soziale Unternehmen ausgezeichnet. Im aktuellen Kriterienkatalog spielen die Sustainable Development Goals eine maßgebliche Rolle – was trägt Wien Work zur Erreichung bei? Berücksichtigt ihr die SDGs in eurer alltäglichen Arbeit?

Christoph: Ökologie, Ökonomie und Inklusion sind grundlegende Querschnittsthemen in all unserem Tun. Viele Sustainable Development Goals sind bereits fest in unserer „Wien Work-DNA“ verankert. In unserem Nachhaltigkeitsbericht sind die in den verschiedenen Bereichen besonders berücksichtigten SDGs festgehalten. Natürlich gibt es hier noch Luft nach oben – deshalb sind wir stets dran, unsere Produkte und Dienstleistungen im Selbstverständnis nachhaltigen Handelns weiterzuentwickeln.

Martina: Was unsere Leser*innen jetzt nicht sehen können: Uns wurde gerade eine wunderbare Sachertorte nach Demel-Art von den Restaurantfachkräfte-Lehrlingen hier im Speiseamt Seestadt serviert! Nicht nur optisch ein wahrer Genuss und eine wahre Gaumenfreude, um nicht zu sagen, die beste Sachertorte, die ich je in Wien gegessen habe!

Christoph, vielen Dank für das Interview. Nachdem das kulinarische Angebot hier bei euch wirklich überzeugt und ein Ausflug in das Stadtentwicklungsgebiet Aspern Seestadt stets ein innovatives, modernes Flair mit sich bringt: Wir sehen uns bald gerne wieder!