Langzeitbeschäftigungslosigkeit und verfestigte Arbeitslosigkeit: Langzeitfolgen von Krisen
Arbeitslosigkeit kann jede:n treffen. Für die meisten Menschen bleibt Arbeitslosigkeit aber eine vergleichsweise kurze Periode, sie finden bereits nach wenigen Monaten wieder einen neuen Job. Gerade in Krisenzeiten und bei schwacher Konjunktur ist es schwierig, einen neuen Job zu finden. Je länger Arbeitslosigkeit andauert, desto schwerer wiegen die Konsequenzen für die betroffenen Menschen. Lang andauernde Arbeitslosigkeit führt nicht nur zu Armut und Ausgrenzung, sondern entwertet auch Qualifikationen und Berufserfahrungen. Studien haben zudem gezeigt, dass Unternehmen bei der Einstellung von Mitarbeiter:innen nach der Dauer der vorangegangenen Arbeitslosigkeit diskriminieren. Menschen, die bereits seit mehreren Monaten arbeitslos sind, haben deutlich schlechtere Chancen als Bewerber:innen, die nur kurz arbeitslos waren bei ansonsten identischer Qualifikation.[1] Diese Faktoren sind mit ein Grund, warum Langzeitarbeitslosigkeit selbst bei verbesserter Wirtschaftslage nicht im gleichen Ausmaß sinkt wie die Arbeitslosigkeit insgesamt. Diese Dynamik wird als Verfestigung von Arbeitslosigkeit bezeichnet.
Verfestigung von Arbeitslosigkeit ist in Österreich seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/9 ein Problem.[2] Waren im Jahr 2009 nur rund 36.000 Menschen langzeitbeschäftigungslose Arbeitslose, so waren im Jahr 2019 bereits 98.564 Personen von lange andauernder Arbeitslosigkeit betroffen. Die Zahl der langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen hat sich damit innerhalb von nur 10 Jahren fast verdreifacht. Die Corona-Krise hat zu einem erneuten starken Anstieg der Langzeitbeschäftigungslosigkeit geführt. Im Jahresschnitt 2021 galten 131.642 als langzeitbeschäftigungslose Arbeitslose – so viele wie nie zuvor. Beinahe 40% aller im Jahresdurchschnitt 2021 vorgemerkten arbeitslosen Personen waren damit langzeitbeschäftigungslos.
Bis zum Jahr 2023 hat sich die Lage – nicht zuletzt Dank zielgerichteter arbeitsmarktpolitischer Programme – wieder gebessert. Im Jahresschnitt galten 74.970 Menschen als langzeitbeschäftigungslose Arbeitslose. Das entspricht 28% aller Arbeitslosen. Die Aktion Sprungbrett und die Corona Joboffensive haben insbesondere Personen unterstützt, die durch die Corona Pandemie langzeitbeschäftigungslos geworden sind.
Dieser Trend hat sich im Jahr 2024 jedoch wieder umgekehrt. Im Schnitt gab es im Jahr 2024 82.461 langzeitbeschäftigungslose Arbeitslose – das ist ein Anstieg von 10% im Vergleich zum Vorjahr. Im Jahr 2025 sind die Zahlen kontinuierlich weiter gestiegen. Im Jahresschnitt 2025 waren 92.866 Personen langzeitbeschäftigungslos arbeitslos, was einem weiteren Anstieg von knapp 13% im Vergleich zum Jahr 2024 entspricht. Der Grund dafür war in erster Linie die schlechte Konjunkturlage, wodurch die Lage am Arbeitsmarkt sehr angespannt war und die Arbeitslosenzahlen generell stiegen. Sowohl 2023 als auch 2024 waren in Österreich Rezessionsjahre, 2025 verzeichnete Österreichs Wirtschaft erst ab dem zweiten Halbjahr ein minimales Wachstum.
Gerade in Krisenzeiten sind Investitionen in eine aktive Arbeitsmarktpolitik wichtig, um eine weitere Verfestigung der Arbeitslosenzahlen zu verhindern und den betroffenen Menschen neue Perspektiven zu ermöglichen. Sonst besteht die Gefahr, dass eine große Anzahl von Menschen dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen bleibt.
Vor allem Ältere, gering Qualifizierte sowie Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen betroffen
Nicht alle Menschen tragen das gleiche Risiko langzeitbeschäftigungslos zu werden. Arbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene finden in den meisten Fällen schnell wieder einen neuen Arbeitsplatz. Dasselbe gilt für gut ausgebildete und gesunde Menschen. Im Gegensatz dazu sind ältere Menschen, sowie Personen mit gesundheitlichen Problemen oder mit geringer formaler Ausbildung (höchstens Pflichtschulabschluss) überdurchschnittlich oft von langzeitbeschäftigungslos.[3] Personen mit Migrationshintergrund sind ebenso öfter von Arbeitslosigkeit und damit auch Langzeitbeschäftigungslosigkeit betroffen. Dies kann neben mangelnden Sprachkenntnissen oder der Nichtanerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen auch auf Diskriminierung am Arbeitsmarkt zurückgeführt werden, wie eine experimentelle Untersuchung zur Diskriminierung von Personen afghanischer Herkunft in Bewerbungsprozessen im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zeigt.[4]
Eine Studie von L&R Sozialforschung [5] hat eine Typisierung von langzeitbeschäftigungslosen Personen vorgenommen und dabei sechs primäre Haupttypen sowie drei ergänzende Sekundärtypen identifiziert, die einander auch überschneiden können:
Primäre Haupttypen:
- Typ 1: Gesundheitlich belastete Personen
- Typ 2: Ältere, bei der Arbeitssuche benachteiligte Personen
- Typ 3: Personen mit fehlenden Qualifikationen/Fachkenntnissen
- Typ 4: Finanziell belastete Personen
- Typ 5: Personen mit Vereinbarkeitskonfikten aufgrund von Pflege- oder Betreuungspflichten
- Typ 6: Personen mit reduzierter regionaler Mobilität
Ergänzende Sekundärtypen:
- Typ 7: Gering belastete Personen mit höherem Ausbildungs- oder Tätigkeitsniveau
- Typ 8: Schwer vermittelbare Personen/Zielgruppe dritter Arbeitsmarkt
- Typ 9: Personen mit unzureichenden Deutschkenntnissen oder nicht anerkannten ausländischen Qualifikationen
In Wien ist die Zahl der Anteil der langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen am höchsten, aber alle Bundesländer sind betroffen
Immer mehr Menschen werden dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen
Eine hohe Anzahl von Menschen, die dauerhaft vom Arbeitsmarkt und den damit verbundenen Möglichkeiten zur Teilhabe ausgeschlossen sind, stellt die Gesellschaft als Ganzes vor große Probleme in sozial- wie demokratiepolitischer Hinsicht. Deswegen braucht es mutige politische Lösungen, um der Verfestigung von Arbeitslosigkeit entgegen zu treten: Individuelle und angepasste Weiterbildungsangebote, Modelle, die Arbeiten und Lernen miteinander verbinden und angesichts der fehlenden Jobs staatlich geförderte Beschäftigungsangebote für Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt zu den derzeitigen Bedingungen keinen Job mehr finden, sei es aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen, Betreuungspflichten oder ihres Alters. Dafür sind entsprechende Rahmenbedingungen und finanzielle Ressourcen und nicht zuletzt mehr Personal beim AMS notwendig.
[1] Siehe beispielsweise:
- Nüß, P. (2018): Duration dependence as an unemployment stigma: Evidence from a field experiment in Germany, Economics Working Paper, No. 2018-06, Universität Kiel.
- Schönherr, D. & Bohrn, K. (2023): Ungleichbehandlung von Älteren und Langzeitarbeitslosen bei Bewerbungen auf offene Stellen. Ergebnisse eines Korrespondenztests im Lebensmitteleinzelhandel und in der Elektroinstallation 2023. Studie von SORA im Auftrag vom AMS Österreich. https://forschungsnetzwerk.ams.at/elibrary/publikation/ams-infos/2023/ungleichbehandlung-von-aelteren-und-langzeitarbeitslosen-bei-bewerbungen-auf-offene-stellen0.html
[2] Siehe auch Eppel, R. et al. (2018). Anstieg und Verfestigung der Arbeitslosigkeit seit der Wirtschaftskrise Entwicklung, Ursachen und Handlungsansätze. WIFO-Studie im Auftrag der Kammer für Arbeiter und Angestellte Niederösterreich. https://www.wifo.ac.at/jart/prj3/wifo/resources/person_dokument/person_dokument.jart?publikationsid=62227&mime_type=application/pdf
[3] AMS Österreich (2023). Die Arbeitsmarktlage 2022 (Jahresbericht). Seite 27. https://www.ams.at/arbeitsmarktdaten-und-medien/arbeitsmarkt-daten-und-arbeitsmarkt-forschung/berichte-und-auswertungen
[4] prospect (2025). Gleiche Qualifikation, ungleiche Chancen. Ein Experiment zur Benachteiligung afghanischer Bewerber:innen. https://wien.arbeiterkammer.at/interessenvertretung/arbeitsmarkt/AK-Studie_Gleiche_Qualifikation_ungleiche_Chancen_2025.pdf
[5] L&R Sozialforschung (2025). Möglichkeiten und Grenzen der erfolgreichen Arbeitsmarktintegration von langzeitbeschäftigungslosen Personen. Seite 9-10. https://www.lrsocialresearch.at/moeglichkeiten-und-grenzen-der-erfolgreichen-arbeitsmarktintegration-von-langzeitbeschaeftigungslosen/
Die Datenquellen bzw. mehr Zahlen, Daten und Fakten zu aktuellen Arbeitsmarktentwicklungen finden Sie in den Berichten und Auswertungen des AMS, im Arbeitsmarktinformationssystem des BMASGPK oder im AMS Forschungsnetzwerk.
