Langzeitbeschäftigungslosigkeit: Entwicklung von 2008 bis 2019

 

Langzeitbeschäftigungslosigkeit und verfestigte Arbeitslosigkeit: Langzeitfolgen von Krisen

Arbeitslosigkeit kann jede*n treffen. Für die meisten Menschen bleibt Arbeitslosigkeit aber eine vergleichsweise kurze Periode, sie finden bereits nach wenigen Monaten wieder einen neuen Job. Die durchschnittliche Verweildauer in der Arbeitslosigkeit lag im Jahr 2019 bei 121 Tagen[1]. Gerade in Krisenzeiten und bei schwacher Konjunktur ist es schwierig, einen neuen Job zu finden. Je länger Arbeitslosigkeit andauert, desto schwerer wiegen die Konsequenzen für die betroffenen Menschen. Lang andauernde Arbeitslosigkeit führt nicht nur zu Armut und Ausgrenzung, sondern entwertet auch Qualifikationen und Berufserfahrungen. Studien haben zudem gezeigt, dass Unternehmen bei der Einstellung von Mitarbeiter*innen nach der Dauer der vorangegangenen Arbeitslosigkeit diskriminieren. Menschen, die bereits seit mehreren Monaten arbeitslos sind haben deutlich schlechtere Chancen als Bewerber*innen, die nur kurz arbeitslos waren bei ansonsten identischer Qualifikation.[2] Diese Faktoren sind mit ein Grund, warum Langzeitarbeitslosigkeit selbst bei verbesserter Wirtschaftslage nicht im gleichen Ausmaß sinkt wie die Arbeitslosigkeit insgesamt. Diese Dynamik wird als Verfestigung von Arbeitslosigkeit bezeichnet.[3]

Verfestigung von Arbeitslosigkeit ist in Österreich seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/9 ein Problem. Waren im Jahr 2009 nur rund 36.400 Menschen langzeitbeschäftigungslose Arbeitslose, so waren im Jahr 2019 bereits 98.564 Personen von lange andauernder Arbeitslosigkeit betroffen. Die Zahl der langzeitbeschäftigungslosen Menschen hat sich damit – trotz eines kurzfristigen relativen Rückgangs – innerhalb von nur 10 Jahren fast verdreifacht. Seit Beginn der Corona-Krise im März 2020 ist bereits wieder ein deutlicher Anstieg der Langzeitbeschäftigungslosigkeit zu beobachten, im Juli 2020 galten 119.486 Menschen als langzeitbeschäftigungslose Arbeitslose.[4] Damit ist fast jede*r dritte Arbeitslose langzeitbeschäftigungslos. Wer bereits vor der Krise für längere Zeit arbeitslos war, hat es jetzt besonders schwer, einen neuen Job zu finden. Es ist zu befürchten, dass die Zahl von Menschen, die dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, in Zukunft drastisch ansteigen wird.

Vor allem Ältere, gering Qualifizierte sowie Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen betroffen

Nicht alle Menschen tragen das gleiche Risiko langzeitbeschäftigungslos zu werden. Arbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene finden in den meisten Fällen schnell wieder einen neuen Arbeitsplatz. Auch gut ausgebildete und gesunde Menschen finden in der Regel schnell wieder aus der Arbeitslosigkeit heraus. Im Gegensatz dazu sind ältere Menschen, sowie Personen mit gesundheitlichen Problemen oder mit geringer formaler Ausbildung (höchstens Pflichtschulabschluss) überdurchschnittlich oft von Langzeitbeschäftigungslosigkeit betroffen. In der Gruppe der über 50jährigen ist fast jede zweite arbeitslose Person langzeitbeschäftigungslos.

 

Immer mehr Menschen werden dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen

Eine hohe Anzahl von Menschen, die dauerhaft vom Arbeitsmarkt und den damit verbundenen Möglichkeiten zur Teilhabe ausgeschlossen sind, stellt die Gesellschaft als Ganzes vor große Probleme in sozial- wie demokratiepolitischer Hinsicht. Deswegen braucht es mutige politische Lösungen, um der Verfestigung von Arbeitslosigkeit entgegen zu treten: Individuelle und angepasste Weiterbildungsangebote, Modelle, die Arbeiten und Lernen miteinander verbinden und angesichts der fehlenden Jobs staatlich geförderte Beschäftigungsangebote für Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt zu den derzeitigen Bedingungen keinen Job mehr finden. Dafür sind entsprechende Rahmenbedingungen und finanzielle Ressourcen und nicht zuletzt mehr Personal beim AMS notwendig.


[1] AMS (2020). Arbeitsmarktlage 2019. https://www.ams.at/content/dam/download/arbeitsmarktdaten/%C3%B6sterreich/berichte-auswertungen/001_JB-2019.pdf

[2] Nüß, P. (2018): Duration dependence as an unemployment stigma: Evidence from a field experiment in Germany, Economics Working Paper, No. 2018-06, Universität Kiel.

[3] Siehe auch Eppel, R. et al. (2018). Anstieg und Verfestigung der Arbeitslosigkeit seit der Wirtschaftskrise Entwicklung, Ursachen und Handlungsansätze. WIFO-Studie im Auftrag der Kammer für Arbeiter und Angestellte Niederösterreich. https://www.wifo.ac.at/jart/prj3/wifo/resources/person_dokument/person_dokument.jart?publikationsid=62227&mime_type=application/pdf

[4] AMS Arbeitsmarktdaten Online: http://iambweb.ams.or.at/ambweb/