Soziale Unternehmen erzielen einen Return on Investment von 2,10 Euro pro investiertem Euro. Eine Analyse der volkswirtschaftlichen Folgekosten von Budgetkürzungen — und was arbeit plus fordert.
Jeder in Soziale Unternehmen investierte Euro (Arbeitsmarktpolitik) schafft volkswirtschaftliche Wirkungen im Gegenwert von 2,10 Euro. Was heute eingespart wird, kehrt als Folgekosten zurück: durch verfestigte Langzeitbeschäftigungslosigkeit, verlorene Steuereinnahmen und geschwächte regionale Kaufkraft. Das zeigt eine SROI-Analyse aus Niederösterreich — Grundlage der fachlichen Position von arbeit plus, dem österreichweiten Netzwerk von 200 gemeinnützigen Sozialen Unternehmen.
Arbeitsmarktpolitik im Kontext: Was die Zahlen sagen
Im Februar 2026 galten in Österreich 101.976 Personen als langzeitbeschäftigungslose Arbeitslose — um 12.466 Personen mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, ein Anstieg von 13,9 Prozent. Mehr als jeder vierte Arbeitslose ist bereits langzeitbeschäftigungslos. Die Langzeitarbeitslosigkeit wächst dabei fast doppelt so schnell wie die allgemeine Arbeitslosigkeit.
Die Nachfrage nach Arbeitskräften bleibt konjunkturbedingt gedämpft. Ende Jänner 2026 meldete das AMS 68.463 sofort verfügbare offene Stellen — ein Rückgang um 10,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Schere zwischen wachsender Arbeitslosigkeit und schrumpfendem Stellenangebot öffnet sich weiter — genau in jenem Moment, in dem öffentliche Mittel für Arbeitsmarktintegration unter Druck geraten.
Was Soziale Unternehmen tatsächlich leisten
Was auf den ersten Blick wie ein Kostenfaktor erscheint, erweist sich bei genauerer Betrachtung als volkswirtschaftlicher Hebel. Eine SROI-Analyse aus Niederösterreich zeigt: Jeder in Soziale Unternehmen investierte Euro schafft Wirkungen im Gegenwert von 2,10 Euro — berücksichtigt werden dabei nicht nur die direkten Effekte der Arbeitsmarktintegration, sondern auch die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten und die Entlastung der Sozialsysteme.
Das trifft bestimmte Gruppen mit besonderer Wucht. Die Beschäftigungslage für Menschen ab 50 Jahren verschlechtert sich dramatisch: 116.749 Personen dieser Altersgruppe sind ohne Job — bei den über 60-Jährigen beträgt der Anstieg 12,3 Prozent. Bei Menschen mit Behinderungen stieg die Langzeitbeschäftigungslosigkeit um 17,9 Prozent. Ihre Verweildauer in Arbeitslosigkeit beträgt im Schnitt 214 Tage — fast drei Monate länger als im Gesamtdurchschnitt.
Strukturelle Herausforderungen, die Standardmaßnahmen überfordern
Langzeitbeschäftigungslosigkeit ist kein homogenes Phänomen. Die Erfahrung der Sozialen Unternehmen im arbeit plus-Netzwerk zeigt: Ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden auf dem regulären Markt systematisch ausgeblendet. Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen brauchen inklusive Arbeitsbedingungen, die AMS-Standardmaßnahmen strukturell nicht abbilden können. Alleinerziehende scheitern häufig nicht am fehlenden Willen, sondern an fehlender Kinderbetreuung und unflexiblen Arbeitszeitmodellen.
Sinkende Vermittelbarkeit, gesundheitliche Belastungen, soziale Isolation und steigende Armutsrisiken — das sind laut Rehbichler die konkreten Folgen verfestigter Langzeitbeschäftigungslosigkeit. Einmal verloren, dauert es Jahre, bis aufgebaute Integrationsstrukturen und das Fach-Know-how in den Sozialen Unternehmen wieder vorhanden sind.
Das Phasenmodell: Ein Qualifizierungsansatz mit Hebelwirkung
arbeit plus hat ein integriertes Qualifizierungsmodell entwickelt, das Erwachsenenbildung systematisch mit Arbeitsmarktintegration verknüpft. Phase 1 verbindet Arbeiten und Lernen in Sozialen Unternehmen, um Grundkompetenzen aufzubauen. Phase 2 setzt auf die Anerkennung von Bildung nach dieser Stabilisierungszeit — etwa durch Anschlussqualifizierungen in der Pflege oder im Handwerk. Phase 3 zielt auf nachhaltige Integration in den ersten Arbeitsmarkt.
Was zählt, ist nachhaltige Vermittlung — nicht die schnellste. Das ist im Sinne der Betroffenen und der Arbeitgeber.
Drei Ansätze mit nachweislicher Hebelwirkung
- Planbare und ausreichende Mittel für AMS und Soziale Unternehmen sichern nachhaltige Integrationsmaßnahmen für jene Gruppen, die von verfestigter Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind — und schützen das aufgebaute Fach-Know-how vor dem Abbau.
- Verbindliche Kooperationen zwischen Bund, Ländern, Kommunen, AMS und Sozialen Unternehmen schaffen Lösungen, die an den Schnittstellen greifen — statt dass Betroffene durch Zuständigkeitslücken fallen.
- Dauerhafte Stellen und attraktive Arbeitsbedingungen in Sozialen Unternehmen halten Expertise im System.
Die volkswirtschaftliche Perspektive
Die Entscheidung, wie mit dem Arbeitsmarktbudget umgegangen wird, ist auch eine Entscheidung darüber, welche gesellschaftliche Stabilität Österreich sich leisten will. Soziale Unternehmen sind nicht das Netz unter dem Netz — sie sind ein aktiver Teil regionaler Wirtschaftskreisläufe, die Wertschöpfung generieren, Arbeitskräfte qualifizieren und zur sozialen Kohäsion beitragen. Die volkswirtschaftliche Vernunft spricht klar für Investitionen in Menschen — weil die Zahlen es belegen.
Zum Weiterlesen
Dieser Beitrag ist die Kurzfassung eines Fachartikels, der in der Sozialen Arbeit in Österreich (SIÖ), Ausgabe 231, Dezember 2025, erschienen ist. Die Langfassung umfasst eine vertiefte Analyse der strukturellen Herausforderungen am österreichischen Arbeitsmarkt, konkrete Fallbeispiele aus der Praxis der Sozialen Unternehmen sowie ein ausführliches Interview mit Sabine Rehbichler, Geschäftsführerin von arbeit plus, über die volkswirtschaftlichen Folgekosten von Budgetkürzungen und zukunftsfähige Modelle der Arbeitsmarktintegration.
Die SIÖ ist die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit in Österreich, herausgegeben vom Österreichischen Berufsverband der Sozialen Arbeit (obds). Weitere Informationen und Abonnement unter obds.at.
Häufige Fragen zu Langzeitbeschäftigungslosigkeit und Sozialen Unternehmen in Österreich
Die Debatte über Budgetkürzungen im Arbeitsmarktbereich wirft konkrete Fragen auf — über Zahlen, Zusammenhänge und Alternativen. Hier finden Sie Antworten auf Basis aktueller Daten des AMS Österreich, des WIFO und der Erfahrungen aus dem arbeit plus-Netzwerk.
Was sind Soziale Unternehmen und was unterscheidet sie vom AMS?
A: Soziale Unternehmen sind gemeinnützige Betriebe, die Menschen beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt unterstützen — durch echte Beschäftigung, begleitende Qualifizierung und individuelle Betreuung. Sie arbeiten eng mit dem AMS zusammen, sind aber keine Behörde, sondern wirtschaftlich aktive Organisationen, die regional Wertschöpfung generieren. In Österreich gibt es rund 200 solcher Unternehmen im arbeit plus-Netzwerk.
Als langzeitbeschäftigungslos gilt, wer beim AMS über 365 Tage ohne Unterbrechung vorgemerkt ist — unabhängig davon, ob in dieser Zeit Schulungsmaßnahmen stattgefunden haben. Die Zahl liegt damit strukturell höher als die klassische Langzeitarbeitslosigkeit. Im Februar 2026 waren in Österreich 101.976 Personen langzeitbeschäftigungslos — mehr als jeder vierte Arbeitslose.
SROI steht für Social Return on Investment — eine Methode, die den volkswirtschaftlichen Gesamtnutzen einer Investition berechnet. Ein SROI von 2,10 Euro bedeutet: Jeder Euro, der in Soziale Unternehmen investiert wird, erzeugt Wirkungen im Gegenwert von 2,10 Euro — durch Arbeitsmarktintegration, Entlastung der Sozialsysteme und Stärkung regionaler Wertschöpfung. Grundlage ist eine Analyse aus Niederösterreich.
Besonders betroffen sind Menschen über 60 Jahre (Anstieg +12,3 % im Jänner 2026), Menschen mit Behinderungen (+17,9 % bei Langzeitbeschäftigungslosigkeit, Verweildauer im Schnitt 214 Tage), Frauen (+7 % Jänner 2026) sowie Geringqualifizierte mit einer Arbeitslosenquote von über 20 Prozent — fast dreimal so hoch wie der Gesamtschnitt.
Direkte Kosten entstehen durch Arbeitslosengeld und Notstandshilfe. Die eigentlichen Folgekosten sind jedoch langfristiger Natur: sinkende Steuereinnahmen, steigende Ausgaben im Gesundheits- und Sozialsystem sowie verminderte Kaufkraft in strukturschwachen Regionen. Sabine Rehbichler, Geschäftsführerin von arbeit plus: Kürzungen bei der Arbeitsmarktintegration kommen mittelfristig ein Vielfaches teurer als die eingesparten Mittel.

