Gütesiegel für Soziale Unternehmen: der Qualität verschrieben

Charlotte Gruber ist arbeit plus-Vorstand und Gütesiegel-Assessorin. Im  Vorfeld der feierlichen Verleihung des Gütesiegels für Soziale Unternehmen 2016 Mitte November spricht sie über die Gründe für die Entwicklung dieses Qualitätszeichens und die Vorteile einer Zertifizierung.

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Charlotte Gruber ist arbeit plus-Vorstand und Assessorin des Gütesiegels für Soziale Unternehmen.

Frau Gruber, wann und warum wurde das Gütesiegel für Soziale Unternehmen entwickelt?

Charlotte Gruber: Soziale Unternehmen haben zusätzlich zum unternehmerischen Auftrag auch einen sozialen. Da wir kein Zertifizierungssysten gefunden haben, das den komplexen Realitäten unserer Mitgliedsbetriebe vollends gerecht wird, hat arbeit plus – damals noch als Bundesdachverband für Soziale Unternehmen – ein eigenes Gütesiegel entwickelt. Der Pilotversuch lief 2009 mit zwölf Unternehmen. 2010 war dann der offizielle Start. Das Schöne ist, dass es beim Gütesiegel nicht allein um Kennzahlen geht, sondern auch um die Entwicklung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Beziehungen zu den verschiedenen Interessengruppen. Wichtig war zudem, dass eine unabhängige Stelle die Zertifizierung vornimmt, was ja mit der Quality Austria auch der Fall ist.

Wofür steht das Gütesiegel für Soziale Unternehmen und wie läuft die Zertifizierung ab?

Das Siegel steht für die Einhaltung sozialer, organisatorischer und wirtschaftlicher Qualitätsstandards in Sozialen Unternehmen, die sich der beruflichen Integration von arbeitssuchenden Menschen widmen. Die Unternehmen durchlaufen ein Assessment durch ExpertInnen von Quality Austria und arbeit plus. Das Gütesiegel wird vom AMS Österreich gefördert und finanziert. Es ist auf drei Jahre befristet. Dann findet wieder ein Assessment vor Ort statt und das Gütesiegel kann für weitere drei Jahre erteilt werden.

Was hat sich seit dem Start getan?

Seit 2014 wird das Siegel im EFQM-Qualitätsmanagementsystem als „Recognised for Excellence (R4E)“ gewertet. Zertifizierte Unternehmen können auch für das Ö-Cert (Qualitätsrahmen für österreichische Erwachsenenbildungs-Organisationen) gelistet werden. Und sie können am Staatspreisverfahren in der Kategorie Non-Profit-Unternehmen teilnehmen. Mit den heuer ausgezeichneten Unternehmen haben insgesamt 32 Soziale Unternehmen in Österreich das Gütesiegel.

Was genau ist eigentlich mit „Qualitätsmanagement“ gemeint?

Im Rahmen des Prozesses werden Standards in unterschiedlichen Bereichen etabliert, etwa in der Personalpolitik, in der Unternehmensstrategie oder in der Planungsarbeit. Damit ein Unternehmen überhaupt in den Begutachtungsprozess einsteigen kann, muss es sich an bestimmten Grundwerten orientieren. Dazu zählen beispielsweise Gemeinnützigkeit, Antidiskriminierung oder auch Gender Mainstreaming. In der Vorbereitung auf das Assessment muss das Unternehmen alle Bereiche analysieren und beschreiben. Dadurch wird ersichtlich, wo es steht und wo es noch besser werden kann.

Was bringt das Gütesiegel den Sozialen Unternehmen?

Das Gütesiegel signalisiert nach außen hin: „Bei uns werden soziale, wirtschaftliche und organisatorische Qualitätsstandards groß geschrieben.“ Das ist eine wichtige Botschaft für FördergeberInnen, PartnerInnen, Kundinnen und Kunden, aber auch für die eigenen Leute im Unternehmen. Eine Botschaft mit Signalwirkung.

RepaNet: Engagement mit Dreifach-Nutzen

bdv austria: Seit wann gibt es RepaNet und wie entstand das Re-Use-Netzwerk?

Matthias Neitsch, RepaNet-Mitbegründer: Der Verein feierte im Vorjahr seinen zehnten Geburtstag. Er entstand aus einem gleichnamigen EU-Projekt. Die Idee dahinter war, Reparatur und Wiederverwendung mit der Schaffung von Arbeitsplätzen für benachteiligte Menschen und der Bereitstellung von leistbaren Qualitätsprodukten für Einkommensschwächere zu verbinden und somit sozusagen einen dreifachen Nutzen zu generieren. Als die Förderungen ausliefen wollten wir damit weitermachen, und so wurde RepaNet geboren. Am Anfang waren wir zu dritt: Berthold Schleich war damals so wie ich in der ARGE Abfallvermeidung Graz, dazu kam Sepp Eisenriegler vom RUSZ in Wien.

Wie hat sich RepaNet danach entwickelt?

Neitsch: Inzwischen ist RepaNet auf 26 Vollmitglieder angewachsen- mit noch immer steigender Tendenz. Damit ist die österreichische Sozialwirtschaft breit vertreten, und es gibt auch bereits Fördermitglieder aus der Abfallwirtschaft. RepaNet selbst ist seit 2014  Mitglied beim Bundesdachverband für Soziale Unternehmen.

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Matthias Neitschs Erfolgsrezept: „Viel Geduld und gute Vernetzung“

Was sind Ihre bislang wichtigsten Erfolge und wie kam es dazu?

Neitsch: Ganz besonders stolz bin ich darauf, dass es uns gelungen ist, dass in der neuen österreichischen Elektroaltgeräte-Verordnung eine Empfehlung an die Sammelstellenbetreiber festgeschrieben ist, bei der Wiederverwendung von Elektroaltgeräten mit sozialwirtschaftlichen Re-Use-Betrieben zusammenzuarbeiten. Das unterstreicht den großen Wert von Partnerschaften zwischen Abfallwirtschaft und Sozialen Unternehmen. Solche Erfolge kommen natürlich nicht von heute auf morgen, sie erfordern gute Vernetzung, viel Geduld und beharrliche Überzeugungsarbeit. Von Anfang an hat sich RepaNet auch mit Schwesterorganisationen in ganz Europa vernetzt. Dem gemeinsamen EU-Dachverband RREUSE.org gelang sogar die Verankerung von Re-Use in der EU-Abfallrahmenrichtlinie und der EU-EAG-Richtlinie.

Warum ist der Re-Use-Gedanke so wichtig?

Neitsch: Für mich ist Re-Use die ökologischste und auch volkswirtschaftlich beste Form der Ressourcenschonung – und damit auch die einfachste und effizienteste Form der Zukunftssicherung. Dies gilt umso mehr, wenn davon auch noch benachteiligte Menschen profitieren.

Was sind die gegenwärtigen Schwerpunkte von RepaNet?

Neitsch: Es geht uns darum, qualitätsvolle und nachhaltige Kooperationen und Partnerschaften zwischen kommunaler Abfallwirtschaft und sozialen Re-Use-Betrieben aufzubauen. Das braucht Zeit, aber der Aufwand lohnt sich. Der Markt kommt uns dabei stark entgegen, denn die Nachfrage nach Gebrauchtprodukten steigt.
Außerdem setzen wir uns gegenwärtig für eine stärkere soziale Ausrichtung der Alttextilsammlungen ein: Hier könnten, etwa bei der Sortierung und Reinigung noch viel mehr Jobs für Personen entstehen, die es besonders schwer haben, eine Arbeit zu finden.
Auf EU- Ebene steht etwa die Entwicklung europäischer Standards für den Re-Use-Bereich an. Auch da möchten wir gemeinsam mit unseren europäischen Partnern unseren Standpunkt und unsere Expertise einbringen. Ganz neu beschäftigen wir uns auch mit der Wiederverwendung von Bauteilen aus Abbruchhäusern, etwa Fenstern, Türen aber auch Dachziegeln, Bauplatten etc. In Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Belgen, Deutschland und der Schweiz gibt es das schon länger. Für Österreich ist das Thema noch sehr neu.

 

Europaweit vernetzt in Sachen Integration in den Arbeitsmarkt

Charlotte Gruber* im Interview über das europäische Netzwerk ENSIE, bei dem bdv austria schon Gründungsmitglied war.

1) bdv austria ist auf Europa-Ebene im European Network for Social Integration Enterprises (ENSIE) vernetzt. Was ist ENSIE genau, wer gehört dazu?

Charlotte Gruber: ENSIE ist ein europäisches Netzwerk von Sozialen Integrationsbetrieben (englisch: work integration social enterprises, WISE). Bei diesen Unternehmen geht es also darum, arbeitslose Personen durch Beschäftigung beim (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. Es vertritt die Interessen und Anliegen von Sozialen Integrationsunternehmen auf europäischer Ebene, hält Kontakte zu den relevanten Abteilungen in der EU Kommission (Arbeit und Soziales, Binnenmarkt, Wettbewerb) und zum EU Parlament.

Besonders freut mich, dass bei der letzten Generalversammlung im Juni in Porto wieder zwei neue Mitglieder dazugekommen sind, nämlich die Niederlande und Bulgarien. Damit hat ENSIE nun 26 Mitglieder aus 20 europäischen Ländern (18 EU Mitgliedsstaaten plus Schweiz und Serbien).

ENSIE ist auch Mitglied von Social Economy Europe, einem Zusammenschluss von verschiedenen Netzwerken von Kooperativen, Stiftungen und Gesellschaften auf Gegenseitigkeit und der Social Platform, einer breiten Plattform von Netzwerken und Organisationen aus dem Sozialbereich.

2) Was sind die zentralen Anliegen dieses europaweiten Netzwerkes?

Gruber: ENSIE versteht sich als Interessensvertretung für Soziale Integrationsbetriebe. Wir möchten die Rahmenbedingungen für diesen Bereich auf europäischer Ebene mitgestalten.

Die wichtigsten Betätigungsfelder von ENSIE sind demnach:

  •  den Austausch und die Zusammenarbeit unter den Mitgliedsnetzwerken zu unterstützen
  • die Verfassung von Stellungnahmen und Positionspapieren, um die EU Politik im Bereich Arbeitsmarktpolitik und Kampf gegen soziale Ausgrenzung mitzugestalten und
  • eine enge Zusammenarbeit mit anderen europäischen Netzwerken

ENSIE unterstützt dabei folgende Ziele der EU zu einer nachhaltigen Entwicklung:

  • Integration in den Arbeitsmarkt sowie soziale Inklusion von benachteiligten Personengruppen durch Erhöhung ihrer Beschäftigungschancen und Produktivität
  • Stärkung der Rolle und Wirtschaftlichkeit der Sozialen Integrationsbetriebe im gesamtwirtschaftlichen Umfeld
  • Förderung von Gleichstellung und Chancengleichheit

3) bdv austria ist seit den Anfängen (2001) dabei, war sogar Gründungsmitglied. Wie hat sich ENSIE im Laufe der Jahre verändert?

Gruber: ENSIE hat sich seit seiner Gründung stetig vergrößert und zunehmend an Bedeutung gewonnen. Bei der Gründung von ENSIE waren nur sechs Netzwerke aus fünf Ländern (Belgien, Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien) beteiligt, sowie CECOP, ein europäischer Verband von Genossenschaften, der allerdings seit 2010 kein Mitglied mehr ist.

Allen voraus den belgischen Mitgliedern ist es zu verdanken, dass durch die Teilnahme an vielen EU Veranstaltungen ENSIE immer wieder in den Blickpunkt gerückt werden konnte. Die Bestellung einer Koordinatorin legte dann den Grundstein zu einer kontinuierlichen Professionalisierung, durch die Teilnahme an diversen Projekten konnte eine zweite Person fix angestellt werden. Seit 2011 erhält ENSIE im Rahmen des PROGRESS Programms auch eine Förderung der Netzwerkarbeit.

Mittlerweile ist ENSIE ist zu einem anerkannten Netzwerk für Beschäftigung von benachteiligten Personengruppen geworden und wird immer öfter zu Tagungen und Konferenzen als Inputgeber eingeladen.

4) Welche sind die wichtigsten gegenwärtigen Projekte?

Gruber: ENSIE ist Mitglied in der ExpertInnengruppe der EU zum Sozialen Unternehmertum (GECES) und engagiert sich besonders in den Themenbereichen Öffentliche Vergabe von Aufträgen und Wirkungsmessung. Das Netzwerk nimmt auch in öffentlichen Konsultationen zu EU Richtlinien Stellung und bezieht darin die Positionen der einzelnen Mitgliedsnetzwerke ein. 2014 wurden bereits Positionspapiere zu den Regelungen der Mehrwertsteuer für öffentliche Einrichtungen und Steuerbefreiungen im öffentlichen Interesse sowie zu Staatlichen Beihilfen und Ausnahmeregelungen verfasst.

Zudem ENSIE ist Träger des Projektes Europe4all, das die Bürgerbeteiligung an EU Themen stärken soll. Weiters ist ENSIE Partnerin in dem Projekt RE:DIALOGUE (Stärkung Mitarbeiterbeteiligung in den Unternehmen und des sozialen Dialogs mit den Sozialpartnern). Auch bei der soeben zu Ende gegangenen EU-Konferenz der Sozial- und ArbeitsministerInnen in Mailand hat sich ENSIE zum Thema Sozialwirtschaft eingebracht.

5) Worin sehen Sie die zentralen Herausforderungen der Zukunft?

Gruber: Ich denke, es geht vor allem um die weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen, den Auf- und Ausbau der sozialwirtschaftlichen Unternehmen in den neuen Mitgliedsstaaten in Osteuropa, die Entwicklung und Verbreitung aussagekräftiger Instrumente zur Wirkungsmessung, sowie um die Zukunftsthemen Vergabe von öffentlichen Aufträgen und steuerliche Behandlung von Sozialen Integrationsbetrieben. Zudem werden wir natürlich weiterhin daran arbeiten, die europäischen Kontakte zu wichtigen Netzwerken und EU-Institutionen zu intensivieren.

* Charlotte Gruber ist als „Senior Expert“ im Vorstand von ENSIE und vertritt ENSIE auch in der „Social Platform“. Ebenfalls aus Österreich im ENSIE-Vorstand ist bdv austria-Vorstandsvorsitzende Manuela Vollmann. (Sie vertritt bdv austria bei ENSIE).

 

„Jo – es kann net besser sein“

„Ich hatte immer das Gefühl, jeder sieht mir das an. Jeder sieht, dass ich arbeitslos bin und einen Job suche“, erinnert sich Brigitte Pickner an die schwierige Zeit der Jobsuche zurück. Im Ö1-Gespräch mit Beate Tomassovits erzählt die heute 54-Jährige, wie schwierig und demütigend die Arbeitssuche mit über 50 sein kann. Durch die Vermittlung von Job-TransFair fand die Wienerin schließlich doch einen neuen Job: Seit März arbeitet Pickner in der Kantine der Raiffeisen Informatik im Zweiten Wiener Gemeindebezirk und sagt heute: „Jo, es kann net besser sein“.

Pickner-Brigitte01Was Brigitte Pickner erlebt hat ist kein Einzelfall. Ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben es am heimischen Arbeitsmarkt zunehmend schwerer, eine adäquate Stelle zu finden. bdv austria-Geschäftsführerin  Judith Pühringer fordert vor diesem Hintergrund im Ö1-Interview eine flachere Gehaltskurve: „Das würde auch den Lebensrealitäten besser entsprechen.“ Den gesamten Radio-Bericht zum  Nachzuhören finden Sie hier  (unter dem Titel „Über 45 – zu alt für den Arbeitsmarkt“).

 

Judith Pühringer im Kurier-Interview: „Nicht genug Jobs für alle“

Anita Staudacher vom KURIER sprach mit bdv austria-Geschäftsführerin Judith Pühringer über eine gerechte Verteilung der Arbeit, Auswirkungen der Frühpensionsreform sowie den Bedarf eines „dritten Arbeitsmarktes“ für all jene, die die Re-Integration nicht mehr schaffen. Anbei das Interview, das am 29.Mai im Wirtschaftsteil des Kurier erschienen ist:

KURIER: Sie fordern einen „Überstunden-Euro“. Was genau steckt dahinter?

Judith Pühringer: Die Arbeitslosenzahlen steigen, gleichzeitig wächst der Druck auf die, die arbeiten. Arbeitslosigkeit lässt sich nicht mehr allein durch mehr Wachstum lösen. Wir wünschen uns eine Initiative der Regierung zur gerechteren Verteilung von Arbeit. Denkbar ist hier ein „Überstundeneuro“, den Arbeitgeber an den Staat zahlen. Das Geld könnte für Beschäftigungsmaßnahmen verwendet werden.

Die Arbeitslosigkeit bei den über 50-Jährigen steigt doppelt so stark an wie der Durchschnitt. Was ist hier zu tun?

Das Geburtsdatum darf kein Ausschlussfaktor am Arbeitsmarkt sein – genau das passiert aber gerade. Das von der Regierung vorgesehene Bonus-Malus-System, bei dem Betriebe mit zu wenigen „50plus-Beschäftigten“ in einen Beschäftigungs-Topf einzahlen, soll rasch kommen. Es geht aber auch um Bewusstseinsbildung: von einer guten altersmäßigem Durchmischung in einem Betrieb profitieren alle.

Wie kann Langzeitarbeitslosigkeit vermieden werden?

Gerade bei Langzeitarbeitslosigkeit braucht es sehr passgenaue Angebote um einen Wiedereinstieg in den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt (Beschäftigungsprojekte, Anm.) zu ermöglichen. Tatsache ist aber auch: Es gibt nicht mehr genügend passende Jobs für alle. Es geht also auch am Arbeitsmarkt um Verteilungsfragen: Insgesamt wird an einer Arbeitszeitverkürzung, zunächst etwa auf eine 35-Stunden-Woche, kein Weg vorbeiführen.

Die Invaliditätspension neu verschärft die Situation für Menschen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung noch…

Als bdv austria sehen wir in der „IP neu“ auch Chancen. Es wird genauer geschaut, ob es Chancen auf Rehabilitation gibt, auf eine neue Perspektive für das Arbeitsleben. Für jene, denen trotz Rehabilitationsmaßnahmen der Wiedereinstieg nicht gelingt, braucht es aber sicherlich Angebote für geförderte Arbeitsplätze, die es Menschen ermöglichen auch länger, zum Beispiel bis zur Pensionierung, einen guten und machbaren Job zu erledigen. In speziellen Sozialen Unternehmen gibt es solche Arbeitsplätze.

 Es braucht also einen dritten Arbeitsmarkt für all jene, die auf dem Regelarbeitsmarkt trotz aller Wiedereingliederungs-Bemühungen kaum Chancen haben?

Unsere wichtigste Botschaft lautet: Die Menschen wollen arbeiten, aber nicht alle schaffen es zu den Bedingungen, die der „Erste Arbeitsmarkt“ verlangt. Weil sie eine Behinderung haben, krank sind, oder auch dem Druck einfach nicht (mehr) standhalten. Hier genügend passgenaue, langfristige und gute Arbeitsplätze zu schaffen ist eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung, der Österreich mit noch größerem Engagement und in noch größerem Umfang nachkommen muss.

Vor den Vorhang: „Am wichtigsten ist uns ein gerechtes Geschlechterverhältnis“

Welchen gesamtgesellschaftlichen Beitrag leistet abz*austria?

Manuela Vollmann*: abz*austria ist kompetent für Frauen und Wirtschaft. Unser Beitrag äußert sich in der vorausschauenden Mitgestaltung der Bedingungen am Arbeitsmarkt. In diesem Sinne verstehen wir uns als arbeitsmarktpolitische Avantgarde. Wir eröffnen Handlungsoptionen unabhängig von Geschlechterrollen und Zuschreibungen und helfen, die Restereotypisierung der Geschlechter zu überwinden: das Zurückfallen in veraltete Rollen, die den gesellschaftlichen Fortschritt bremsen. Dies tun wir individuell: mit konkreten Beratungs-, Orientierungs- und Qualifizierungsangeboten für Frauen. Dies tun wir strukturell: mit Angeboten für Wirtschaftsunternehmen und Non-Profit-Organisationen. Und dies tun wir gesamtgesellschaftlich: über Lobbying und Kampagnen-Arbeit.

An wen richten sich die Angebote von abz*austria?

Manuela Vollmann: Am wichtigsten ist uns ein gerechtes Geschlechterverhältnis. Dies bedeutet, dass wir derzeit dasjenige Geschlecht an erste Stelle setzen, das wir als benachteiligt erachten: die Frauen – und zwar Frauen jeden Alters, jeder Herkunft und jeden Bildungsstandes. Wir wollen Frauen im Gesellschafts- und Wirtschaftsleben sowie in ihrem privaten Umfeld stärken. In wirkungsvollen Segmenten richten sich unsere Angebote – immer mehr – auch an Männer und darüber hinaus an Unternehmen und EntscheidungsträgerInnen aus Politik und Wissenschaft.

Worin unterscheidet sich das Angebot von abz*austria von demjenigen anderer Anbieter?

Manuela Vollmann: Mit dem Selbstverständnis als arbeitsmarktpolitische Avantgarde erheben wir seit über 20 Jahren den Anspruch, zukünftige gesellschaftliche Themen aufgreifen und beschäftigungspolitische Potentiale und Risiken identifizieren zu können. Unser Angebot unterliegt den Anforderungen an die qualitätsgesicherte Gleichstellungsstrategie. Und: Sie sind von Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit geprägt: individuell und unternehmerisch relevant und wirksam – und gesellschaftlich verantwortungsvoll. Bei unserer Qualitätskontrolle folgen wir drei Leitprinzipien: der „Kontinuität“, zum Beispiel durch das Einarbeiten neuester Forschungsergebnisse in schon bestehende Angebote, der „Transparenz“ in Bezug auf die zugrunde liegende Werteorientierung und der laufenden „Reflexion“ gemeinsam mit AuftraggeberInnen und KundInnen während des Entwicklungsprozesses und in der Umsetzungsphase

Kann man die Tätigkeitsfelder von abz*austria zusammenfassen?

Das Portfolio von abz*austria erstreckt sich über diverse Themenfelder, die sich an die Aufgabenbereiche des österreichischen Arbeitsmarkts anlehnen: Fünf „Kompetenzfelder“ lassen sich bei abz*austria bestimmen und voneinander abgrenzen – wenn auch Abgrenzung nicht in vollem Ausmaß möglich und sinnvoll ist: Gender Mainstreaming und Diversity Management, Vereinbarkeit Beruf.Familie.Privatleben, Arbeit.Jugend.Alter, Lebenslanges Lernen und Arbeit.Migration.Mobilität.

Gibt es bei abz*austria unterschiedliche Arbeitszeitmodelle – so wie sie diese auch gegenüber Ihren AuftragnehmerInnen beraten und empfehlen?

abz*austria hat bereits seit vielen Jahren positive Erfahrungen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und der Vertrauensarbeitszeit gemacht. In der Gleitzeitvereinbarung sind die Rahmenbedingungen geregelt, die den MitarbeiterInnen erlauben, unter Berücksichtigung ihrer Tätigkeitsbereiche ihre Arbeitszeit flexibel zu planen. Da es außerdem keine Kernarbeitszeit gibt und sich der Gleitzeitrahmen von 6.00 – 22.00 Uhr erstreckt, haben die MitarbeiterInnen grundsätzlich die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit an ihre persönlichen Bedürfnisse anzupassen. Rund 140 Mitarbeiterinnen sind derzeit bei abz*austria beschäftigt. Es bestehen 27 verschiedene Arbeitszeitmodelle.

Wie finanziert sich abz*austria?

Wir finanzieren uns über Projektbeauftragungen – zu unseren AuftraggeberInnen und KundInnen zählen das Arbeitsmarktservice, die Länder, der Bund, die Europäische Union und die Privatwirtschaft.

Mehr auf www.abzaustria.at

 *Manuela Vollmann ist Geschäftsführerin von abz*austria und Vorstandsvorsitzende des bdv austria.

Mitte 40, arbeitslos, chancenlos?

Die offizielle Statistik sagt: „Älter“ ist man, wenn man die Fünfzig überschritten hat – Arbeitsmarktexperten allerdings sehen den Trend noch viel dramatischer: Schon ab Mitte vierzig sinkt die Chance, wieder zurück in den Arbeitsmarkt zu finden.

„Sehr alarmierend“

Ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hatten es am Arbeitsmarkt schon immer schwer. Allerdings war es früher nicht das Alter allein, das die Jobsuche schwer gemacht hat, sondern die Kombination mit langer Abwesenheit oder einer Krankheit. Jetzt reicht es bereits, dass man 45 Jahre alt ist, sagt Judith Pühringer vom Bundesdachverband sozialer Unternehmen und Arbeitsmarktexpertin der Armutskonferenz: “ Das Geburtsdatum allein ist schon ein Ausgrenzungsfaktor am Arbeitsmarkt, was sehr alarmierend ist.“

Freiwillige Verpflichtungen für Betriebe, damit sie ältere Menschen beschäftigen, reichen da nicht aus. Es brauche eine fixe Quote oder ein Bonus-Malus-System wie im Regierungsübereinkommen vorgesehen, so Pühringer. Ein Drittel aller Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern beschäftigen keinen einzigen Arbeitnehmer bzw. Arbeitnehmerin über 55. Dabei könnten Unternehmen durchaus von einer Durchmischung von älteren und jüngeren Arbeitnehmern profitieren, ist Pühringer überzeugt: So gebe es gute Erfahrungen mit Tandem-Modellen, bei denen Ältere und Jüngere zusammenarbeiten.

Weniger statt mehr Arbeitszeit

Darüber hinaus haben ältere Arbeitnehmer immer öfter auch psychische Probleme, die in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen sind. Viele halten den Druck am Arbeitsplatz nicht mehr aus, längere Arbeitszeiten und Überstunden seien da nicht förderlich, ein Zwölfstundentag führe da in die falsche Richtung, vielmehr sollte über eine generelle Arbeitszeitverkürzung wie eine 35-Stundenwoche und Anreize zum Überstundenabbau nachgedacht werden. Es brauche Modelle, die den Menschen Zeit geben, Schritt für Schritt wieder ins Erwerbsleben zurückzufinden. (Quelle: orf.at) Der Bericht im Ö1-Mittagsjournal vom 2. Mai finden Sie hier