In Anthering betreibt frauenanderskompetent seit 2014 den ersten inklusiven Postpartner-Shop Österreichs. Heute zählt er zu den umsatzstärksten des Landes. Geführt wird er von Frauen, die der Arbeitsmarkt lange nicht gesehen hat.
Anthering, Salzburgerstraße 2. Hier gibt es noch einen Postschalter, während anderswo im Land Poststellen der Reihe nach schließen. Für die Gemeinde ist „die postlerin“ damit eine beständige Partnerin, und weil ringsum Standorte wegfallen, wächst das Einzugsgebiet. Wer aus den Nachbargemeinden ein Paket aufgeben, eine Überweisung tätigen oder Bargeld beheben will, fährt nach Anthering. Neben dem klassischen Postgeschäft stehen die Dienstleistungen der Bank99 zur Verfügung, dazu der angeschlossene Geschenkeshop.
Dazu kommt ein Großkunde. Zusammen ergibt das eine Zahl, die man an dieser Adresse nicht vermuten würde: „die postlerin“ gehört heute zu den umsatzstärksten Postpartner:innen in ganz Österreich. Betrieben wird sie von frauenanderskompetent, einem Sozialen Unternehmen der anderskompetent gemeinnützigen GmbH, das seit 2008 Frauen in Salzburg beim Wiedereinstieg begleitet.
Wer den Schalter führt
Die Frauen, die hier arbeiten, kommen nach längerer Arbeitslosigkeit, nach gesundheitlichen Einschränkungen, nach anderen Hemmnissen. Sie erhalten für maximal zwölf Monate ein Dienstverhältnis als Transitmitarbeiterin. Qualifizierung, praktische Arbeitserfahrung und individuelle Begleitung greifen dabei ineinander, und der Postschalter liefert das Umfeld dafür: ein Geschäft, das keine Übungssituation ist.
Das Computersystem der Post beherrschen. Zur passenden Versandoption beraten. Bank99-Geschäfte abwickeln, Ein- und Auszahlungen, Überweisungen. Dazu der Verkauf im Geschenkeshop und die organisatorischen Abläufe im Hintergrund. Und das Postgeschäft selbst ändert sich laufend, Tarife, Produkte, Verfahren.
Was die Frauen hier mitnehmen, geht über die einzelnen Handgriffe hinaus. Sie tragen Verantwortung für einen laufenden Betrieb, sie stehen im direkten Kontakt mit Kundinnen und Kunden, sie organisieren Abläufe. Und sie erleben, dass das funktioniert. Aus dieser Erfahrung entsteht die Sicherheit, mit der sich Bewerbungsgespräche führen und Zukunftspläne fassen lassen.
Julia Kröll, Landesgeschäftsführerin des AMS Salzburg, sieht genau darin den Wert des Standorts:
„Die postlerin“ bietet vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten und ein sehr realistisches Arbeitsumfeld wo Qualifikationen trainiert werden können, die später in sehr vielen Berufsbildern relevant sind. Menschen müssen sich im Berufsalltag an sich ständig ändernde Rahmenbedingungen anpassen und darauf bereitet „die postlerin“ vor. Denn auch das Postgeschäft ändert sich ständig. Ich bin sehr dankbar dafür, dass das in der „postlerin“ so gut trainiert werden kann, denn Frauen mit diesen Fertigkeiten werden am Salzburger Arbeitsmarkt dringend gebraucht!
Während der gesamten Beschäftigungszeit stehen Jobcoaching, Sozialarbeit und fachliche Begleitung zur Verfügung, bis hin zur Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche. Wohin dieser Weg führen kann, war Ende April zu sehen: Sozialministerin Korinna Schumann besuchte den Standort und traf eine ehemalige Transitmitarbeiterin, die heute aufgrund ihrer Qualifikationen als Fachschlüsselkraft dauerhaft im Betrieb arbeitet.
Gerade für Frauen kann der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt mit besonderen Herausforderungen verbunden sein – vor allem nach längerer Arbeitslosigkeit, Krankheit oder schwierigen Lebensphasen.
„Die postlerin“ in Anthering/Salzburg zeigt eindrucksvoll, wie gezielt Unterstützung geleistet werden kann: mit individueller Begleitung, Qualifizierung und der Möglichkeit, wieder Schritt für Schritt beruflich Fuß zu fassen. Damit wird nicht nur die Integration in den ersten Arbeitsmarkt gefördert, sondern gleichzeitig auch ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Nahversorgung in der Gemeinde geleistet.
Korinna Schumann, Bundesministerin für Soziales
Ein Regal voller Betriebe
Der angeschlossene Geschenkeshop führt regionale Naturprodukte des TEH, Geschenkartikel aus der Schlosserei und Tischlerei von oberrainanderskompetent, nachhaltige Bauch:Gefühl-Produkte aus geretteten Lebensmitteln, Upcycling-Einzelstücke aus der FunkelNagel-Werkstatt, dazu feine Papeterie und Spielsachen. Hinter jedem dieser Produkte steht ein Betrieb, in dem Menschen arbeiten, die der Arbeitsmarkt zuvor nicht aufgenommen hat. Das Sortiment ist eine Wertschöpfungskette.
Was in Salzburg auf dem Spiel steht
Die Langzeitbeschäftigungslosigkeit steigt, in Salzburg zuletzt deutlich stärker als im Bundesschnitt. Immer mehr Menschen bleiben über längere Zeit ohne Arbeit, Frauen stärker betroffen als Männer, vor allem in Handel und im Gesundheits- und Sozialwesen. Gleichzeitig gehen bis 2030 zahlreiche Beschäftigte aus systemrelevanten Berufen in Pension, überwiegend im mittleren Qualifikationssegment.
Wir dürfen bei allen Zahlen, mit denen wir arbeiten, nie vergessen, dass hinter jeder Zahl viele Menschen stehen, die eine persönliche und ökonomische Perspektive brauchen.
Peter Ruhmannseder, Geschäftsführer arbeit plus – Soziale Unternehmen Salzburg
Wie diese Perspektive entsteht, zeigt der Schalter in Anthering. Wie schnell sie verloren geht, ebenfalls:
Die Kosten werden weitaus höher sein als die notwendigen Investitionen in wirksame arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. Wer heute bei Qualifizierung, Betreuung und Integration spart, zahlt morgen ein Vielfaches für Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, Sozialhilfe respektive Mindestsicherung und die gesundheitlichen Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit.
Peter Ruhmannseder und Christian Moik, arbeit plus Salzburg
Und Christian Moik, Obmann arbeit plus Salzburg betont:
Unsere Sozialen Unternehmen sind wichtige Systempartner der Wirtschaft, weil sie Menschen fit machen für Betriebe – jeder Euro der investiert wird, kommt doppelt zurück.
Ausgaben in die aktive Arbeitsmarktpolitik amortisieren sich für den Staat innerhalb von fünf Jahren vollständig (Synthesis, 2016). Dazu kommen höhere Einkommen, stabilere Beschäftigung und messbare Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden.
Der Budgetpfad zeigt in die andere Richtung. Laut längerfristigem Plan des AMS sollen 2027 rund 180 Millionen Euro eingespart werden, 2028 fast weitere 200 Millionen. Platzreduktionen bei Sozialen Unternehmen und Beschäftigungsprojekten sind bereits sichtbar. Im Doppelbudget 2027/2028 entscheidet sich, in welchem Umfang Standorte wie Anthering weiterarbeiten.
Ein Schalter, drei Rechnungen
Die Post in Anthering ist ein Wirtschaftsbetrieb, dessen Umsatz bundesweit zu den höchsten seiner Kategorie zählt. Sie ist die Nahversorgung für eine Gemeinde und ihr Umland. Und sie ist der Ort, an dem Frauen sich für den Arbeitsmarkt qualifizieren. Die drei Rechnungen gehen ineinander auf: Der Umsatz kommt durch die Arbeit der Frauen zustande. Die Qualifizierung läuft über das reale Geschäft. Und die Gemeinde behält ihren Schalter.
Weil sich Verantwortung rechnet.

