WAMS – 1,1 Millionen Gründe, warum Soziale Unternehmen die stillen Helden der Stadtentwicklung sind

In Innsbruck haben eine gemeinnützige GmbH, die städtischen Verkehrsbetriebe und ein paar hundert Fahrräder bewiesen, was möglich ist, wenn Soziale Unternehmen nicht als Notlösung behandelt werden, sondern als das, was sie sind: Wirtschaftsfaktor und gesellschaftlicher Mehrwert in einem.

1,1 Millionen. So oft wurde das Innsbrucker Stadtrad 2025 ausgeliehen. Jedes einzelne der 600 Räder wurde an einem durchschnittlichen Tag fünfmal benutzt. Die Stadt rühmt sich des Rekordes — und mittendrin, eine Werkstatt, die gerade zu klein geworden ist. Betrieben von WAMS, einer gemeinnützigen GmbH, die am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen, meist Langzeitarbeitslose beschäftigt. Es ist kein Zufall, dass dieser Betrieb das System am Laufen hält. Es ist Konzept.

Das hat niemand erwartet“, sagt Christian Kammeringer, einer der beiden Geschäftsführer von WAMS gGmbH, und meint das nicht als Koketterie. Als WAMS 2023 den Serviceauftrag fürs Stadtrad übernahm, lagen die Nutzungszahlen des Vorjahres bei rd. 227.000. Heute sind es fünfmal so viele. Das Wachstum war so rasant, dass die Werkstatt bereits zu klein ist, ein zweites Fahrzeug für den Wochenendverschub angeschafft werden musste und WAMS gerade auf Platzsuche ist. Wachstumsschmerzen, die man in einem Sozialen Unternehmen selten so nennen darf — und die hier schlicht Realität sind.

Die IVB (Innsbrucker Verkehrsbetriebe) starteten 2014 das Mietradsystem „Stadtrad Innsbruck“ mit dem Ziel, neben Bus und Tram ein zusätzliches Mobilitätsangebot für Innsbruck aufzubauen. Waren zu Beginn 155 Fahrräder – verteilt auf 14 Stationen – im Einsatz, wurde die Anzahl der Fahrräder und Stationen in den Folgejahren kontinuierlich ausgebaut. Die Nutzungszahlen waren in den ersten Jahren noch überschaubar, 2019 konnten erstmals mehr als 100.000 Nutzungen pro Jahr erfasst werden.

Der Service von Stadtrad Innsbruck wurde in den ersten Jahren durch die nextbike GmbH und von 2020 – 2022 durch die IVB selbst organisiert. Aufgrund der steigenden Nutzungszahlen und des dadurch benötigten zusätzlichen Fachpersonals für den Fahrradservice hat die IVB in der Folge den Betrieb von Stadtrad Innsbruck europaweit ausgeschrieben und das österreichische Vergabegesetz kennt in genau diesem Moment einen klugen Mechanismus: § 23 erlaubt den Bieterkreis auf Soziale Unternehmen einzuschränken. WAMS bewarb sich. Und bekam den Zuschlag.

Seither verantwortet WAMS zwei Bereiche, die für die Nutzer:innen unsichtbar, für den Betrieb aber entscheidend sind. „Wir machen den gesamten Service der Räder, alle Reparaturen in der Werkstatt und wir steuern den Verschub zwischen den Stationen“, erklärt Kammeringer. Wenn wer morgens am Innsbrucker Bahnhof ein frisch gewartetes Stadtrad vorfindet, das gestern Abend noch quer durch die Stadt verstreut stand: Dann ist das Handwerk und Logistik, die im Verborgenen funktioniert. Genau so, wie gute Infrastruktur funktionieren sollte.

Wenn mehrere Player zusammenspielen und ihre Kräfte bündeln, kann man sich gegenseitig schützen und auffangen. Und gemeinsam findet man schneller Lösungen.“
Christian Kammeringer, Geschäftsführer WAMS gGmbH


Nicht Hilfsempfänger. Leistungsträger.

Die öffentliche Debatte über Soziale Unternehmen dreht sich häufig um Förderungen, Quoten, Transferleistungen. Was dabei verloren geht: das Bild der Menschen, die dort arbeiten. Bei WAMS sind es Langzeitarbeitslose, die im Rahmen des Projekts gemeinsam mit dem AMS in Beschäftigung gebracht werden — als Transitmitarbeiter:innen, die Räder reparieren, Stationen beliefern, und ein System am Laufen halten, das eine ganze Stadt nutzt. „Wenn ein Mitarbeiter in der Zeitung liest, dass das Stadtrad wieder einen Rekord gebrochen hat, und weiß: ‚Das ist auch wegen mir so gut gelaufen‘ — dann gibt das Selbstbewusstsein. Das ist kein kleiner Effekt“, sagt Kammeringer. Es ist ein Effekt, den keine Förderstatistik erfasst: Die Erfahrung, Teil einer Erfolgsgeschichte zu sein.

Die Qualifizierung folgt einer eigenen Logik: Wer die standardisierten Stadtrad-Modelle — immer dasselbe Rad, immer dieselbe Schaltung — wirklich beherrscht, entwickelt handwerkliche Sicherheit. Und aus Sicherheit wächst Neugier. „Wenn man einmal auslöst, dass jemand Neues lernen will, hat man schon sehr viel erreicht“, so Kammeringer. WAMS plant, den Lernpfad zu erweitern: andere Radtypen, andere Bremssysteme, neue Technologien. Ein Einstieg als Ausstieg aus dem Kreislauf — das ist das eigentliche Produkt.

WAMS – Wenn alle an einem Tisch sitzen

Was das Stadtrad-Modell von anderen unterscheidet, ist nicht seine Größe, sondern seine Architektur: Stadt Innsbruck, IVB, AMS und WAMS kooperieren auf Augenhöhe. „Wenn mehrere Player zusammenspielen und ihre Kräfte bündeln, kann man sich gegenseitig schützen und auffangen. Und gemeinsam findet man schneller Lösungen“, sagt Kammeringer — und meint damit nicht nur die Frage eines zusätzlichen Wochenendfahrzeugs, sondern eine Haltung: Kooperation als Infrastruktur.

Beim ersten Tiroler Klimaschutzpreis 2025 holte das Stadtrad Innsbruck sowohl den Publikumspreis als auch die Auszeichnung in der Kategorie „Tägliches Leben“. Es ist eine Anerkennung — aber eigentlich auch eine Mahnung. Denn was in Innsbruck funktioniert, ist kein „Glücksfall“. Es ist das Ergebnis der Entscheidung, Sozialen Unternehmen Vorrang einzuräumen, wo das Gesetz es vorsieht, und ihnen dann zuzutrauen, dass sie liefern. „Man darf nicht unterschätzen, dass Soziale Unternehmen ein echter Wirtschaftsfaktor sind. Jeder Euro, der über AMS und Förderprogramme in Langzeitarbeitslose investiert wird, kehrt mehrfach zurück — an Unternehmen, an die Gesellschaft, an die Volkswirtschaft“. Das ist das Innsbrucker Modell. Und es funktioniert.

In der WAMS-Werkstatt in Innsbruck beginnt das Stadtrad seinen Ta
In der WAMS-Werkstatt in Innsbruck beginnt das Stadtrad seinen Tag. 600 Räder, 1,1 Millionen Nutzungen im Jahr: gewartet, repariert und einsatzbereit gemacht von Menschen, die der Arbeitsmarkt lange nicht gesehen hat.
Christian Kammeringer, Geschäftsführer WAMS gGmbH
Christian Kammeringer, Geschäftsführer WAMS gGmbH: „Wenn ein Mitarbeiter liest, dass das Stadtrad einen Rekord gebrochen hat, und weiß: Das ist auch wegen mir so gut gelaufen. Das gibt Selbstbewusstsein.”
Station Stubaitalbahnhof: Verschub, Wartung, Einsatzbereitschaft. Das WAMS-Team sorgt dafür, dass das Stadtrad Innsbruck täglich funktioniert.

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