2025 feiert arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich sein 40-jähriges Bestehen. Ganz unter dem Motto „Aus der Vergangenheit lernen, Zukunft gestalten“ fand daher am 02.10.2025 ein digitales Innovation Lab mit dem Titel „Wendepunkte in 40 Jahren österreichischer Sozial- und Arbeitsmarktpolitik“ statt.
In einem Impulsvertrag blickte Josef Weidenholzer, ehemaliger Professor für Gesellschafts- und Sozialpolitik, Europapolitiker sowie jahrelanger Wegbegleiter des sozialen Sektors in Österreich auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 40 Jahre zurück. Die Gründungszeit von arbeit plus beschreibt er dabei als eine bewegte Zeit. Auf der einen Seite herrschte eine Aufbruchstimmung – die experimentelle Arbeitsmarktpolitik der 1980er- und 90er Jahre ermöglichte es, neue und innovative arbeitsmarktpolitische Instrumente in einem Trial-and-Error-Prozess auszuprobieren und sorgte damit für ein dynamisches Wachstum des sogenannten autonomen bzw. dritten Sektors in Österreich. Im Rahmen der Aktion 8.000 wurden zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten für langzeitarbeitslose und am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen in gesellschaftlich nützlichen Tätigkeitsfeldern geschaffen. Eine Vielzahl neuer gemeinnütziger Sozialprojekte entstand in dieser Zeit – später entwickelten sich diese zu den heutigen Sozialökonomischen Betrieben (SÖBs), Gemeinnützigen Beschäftigungsprojekten (GBPs) und Beratungs- und Betreuungseinrichtungen (BBEs) weiter. Die Zivilgesellschaft als dritte Kraft neben Staat und Markt gewann somit an Bedeutung und soziales Engagement und Solidarität galten als wünschenswert. Gleichzeitig begann sich global der Neoliberalismus durchzusetzen, was in weiterer Folge zu Privatisierung, Deregulierung und einer Demontage sozialer Sicherungssysteme führte und die gesellschaftliche Stimmung veränderte: Eigenverantwortung, Individualisierung und Selbstoptimierung wurde großgeschrieben und die Solidarität in der Gesellschaft ausgehöhlt. Bezeichnend für den Anfang dieser Entwicklung ist das berühmte Zitat von Margret Thatcher (1987): „There is no such thing as society“. Auch in Österreich propagierte Wolfang Schüssel „Mehr Privat – Weniger Staat“ und konnte dies ab dem Jahr 2000 dann politisch in die Tat umsetzen. Als Resultat schwand der soziale Zusammenhalt und die Ellenbogen wurden zunehmend ausgefahren.
Heute stehen wir damit vor neuen Herausforderungen, auf die es zu reagieren gilt: Wachsende Ungleichheiten, politische Instabilität, ein knappes Budget, die Klimakrise, mangelnde Solidarität und politisierte Debatten über Sozialleistungen gehören aktuell zum Alltag. Erst kürzlich sagte Elon Musk, dass die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation Empathie sei und der oberösterreichische Sozial- und Integrations-Landesrat spricht davon, „Druck auszuüben, statt Händchen zu halten“. Dennoch ist Pessimismus nicht angebracht: Österreich kann auf eine lange Geschichte und viele Erfolge durch zivilgesellschaftliches Engagement unter anderem in der aktiven Arbeitsmarktpolitik zurückblicken und auch in Zukunft darauf aufbauen. Entgegen Margret Thatchers „There is no alternative“ gibt es viele Alternativen, die im Sinne von positiver Subversivität hervorgehoben und in einfacher Sprache vermittelt werden müssen. Außerdem ist Josef Weidenholzer überzeugt: „Optimismus ist eine moralische Verpflichtung“ und „man kann auf Dauer nicht verhindern, dass Menschen kooperieren“.
Im Anschluss an den Impulsvortrag kommentierte Sabine Hafner, kürzlich pensionierte Leiterin der Abteilung „Dienstleistungen des AMS“ in der Sektion Arbeitsmarkt im Arbeitsministerium das Gesagte aus ihrer langjährigenErfahrung in der österreichischen Arbeitsmarktpolitik. Auch sie bekräftigte die wichtige Rolle von Sozialen Unternehmen in der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Vermittlungshemmnissen. Gleichzeitig betonte sie auch, dass Krisen und Herausforderungen auch immer Chancen sein können, die Arbeitsmarktpolitik weiterzuentwickeln. In Zeiten der multiplen Krisen muss man das Silodenken verlassen und Arbeitsmarktpolitik viel stärker mit anderen Politikbereichen – wie der Regionalentwicklung oder der Umweltpolitik – zusammendenken. Soziale Unternehmen können dazu beitragen, den regionalen Raum zu stärken und wichtige Infrastrukturen in Gemeinden zu erhalten. Außerdem haben Soziale Unternehmen viel Expertise im Bereich der Kreislaufwirtschaft, einem Politikfeld, das in Zukunft weiter an Relevanz gewinnen wird und in dem ein Zusammendenken mit Arbeitsmarktpolitik positive Synergien ergeben würde.
Anschließend wurden in angeregten Kleingruppendiskussionen besprochen, welche Ansätze aus der Vergangenheit wieder aufgegriffen werden sollten und wie auf die sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen reagiert werden kann. Einige Impulse haben wir hier aufgelistet:
In der Arbeitsmarktpolitik:
- Wieder Spielräume zum Vordenken und Ausprobieren, für Innovation und experimentelle Arbeitsmarktpolitik schaffen – Scheitern muss erlaubt sein, denn so ergeben sich Möglichkeiten zur Weiterentwicklung
- Regionalpolitik (wieder) systematisch mit Arbeitsmarktpolitik verbinden, z.B. durch Dienstleistungszentren
- Bestimmte Zielgruppen weiterhin besonders im Blick haben und gezielte Maßnahmen weiterentwickeln: junge Menschen, Ältere, Frauen, Migrant:innen, …
- Das Bildungssystem an die neuen Anforderungen anpassen
- Eine neue Definition von Arbeitsmarkterfolg etablieren – nicht nur die Integration, sondern auch weitere Kriterien wie Stabilisierung müssen mitgedacht werden
- Soziale und Arbeitsmarktdienstleistungen als Daseinsvorsorge anerkennen und divers halten
Im gesellschaftlichen Diskurs:
- Nicht nur optimistisch bleiben, sondern auch Optimismus verbreiten
- Mediale Verbreitung von positiven Botschaften und Erfolgsgeschichten – Was haben wir geschafft in gemeinnützigen Sozialen Unternehmen?
- Gesellschaftliche Narrative beeinflussen und soziales Handeln und Empathie positiv konnotieren und verhindern, dass benachteiligte Menschen als Sündenböcke genutzt werden
- Zusammenhänge aufzeigen: Was hat Arbeitsmarktpolitik mit Regionalpolitik und anderen Ressorts zu tun?
- Neben dem sozialen auch den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert von sozialem Handeln deutlich machen
- Ein positives Narrativ schaffen – statt Begrifflichkeiten wie „NGO“ oder „NPO“, die ein „Non“ im Namen hat, positive Begriffe wie „Sozial“ und „Gemeinnützig“ verwenden
Im Netzwerk von arbeit plus:
- Entwicklungen der Vergangenheit analysieren und reflektieren
- Auf digitale und ökologische Herausforderungen aktiv reagieren und sie als Chance nutzen
- Den Generationenwechsel in Sozialen Unternehmen aktiv gestalten
- Sich vernetzen und breite Allianzen aufbauen
- Laut sein und Lobbying intensivieren
arbeit plus nimmt sich aus der Veranstaltung viele spannende Impulse mit und bedankt sich bei den Vortragenden und Teilnehmenden für die anregende Diskussion!

