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Kommentar: Erwerbsarbeit versus Sorgearbeit

Fangen wir mit einem Dilemma an: Erwerbsarbeit erfüllt, neben der Funktion der gesellschaftlichen Teilhabe, nach wie vor die Rolle der Sicherung der materiellen Existenz. Allerdings sind es die sogenannten „Sorgearbeiten“ wie Kochen, Putzen, Kindererziehung oder die Betreuung von Pflegebedürftigen, die eine Erwerbsarbeit erst ermöglichen. Oder haben Sie in der Früh schon mal das Haus verlassen, ohne zu wissen, dass Ihr Kind heute gut versorgt sein wird? Das Dilemma dahinter: Die erste Form der Arbeit, die Erwerbsarbeit, ist gesellschaftlich anerkannt und bezahlt. Die zweite Form der Arbeit, die Sorgearbeit, falls sie denn überhaupt als Arbeit anerkannt wird, ist hingegen un- oder unterbezahlt. Auf diesen vielfältigen Arbeitsbegriff hat arbeit plus im Frühjahr 2017 mit der Aktion „Auch das ist Arbeit“ aufmerksam gemacht. Und schließlich sind diese beiden Arbeitsformen zwischen Frauen und Männern sehr ungleich verteilt.

Unbezahlte Sorgearbeit ist „weiblich“

Schifteh Hashemi: „Erwerbsarbeit und Sorgearbeit sind zwischen Frauen und Männern sehr ungleich verteilt. Das muss sich ändern.“

Während der Kernarbeitsmarkt (stabile Vollzeiterwerbstätigkeit) fest in der Hand von Männern liegt, finden sich Frauen immer häufiger in atypischen Arbeitsverhältnissen. Das sind geringfügige, teilzeitbasierte und befristete Beschäftigungen sowie legalisierte Selbständigkeiten (etwa das Gewerbe der Personenbetreuung). In Zahlen sieht das so aus: Im Jahr 2016 waren knapp 48% der Frauen in Österreich teilzeitbeschäftigt, aber nur 12% der Männer. Das heißt umgekehrt aber nicht, dass 52% der Frauen kontinuierlich in Vollzeit tätig waren. Karenzzeiten und andere Ereignisse führen dazu, dass aktuell nur 2% der Frauen in Österreich 45 Versicherungsjahre für die Pension ansammeln, während dies etwa 50% der Männer schaffen.

Sieht man sich den Bereich der unbezahlten, aber gesellschaftlich ebenso notwendigen Sorgearbeiten an, dreht sich das Bild komplett. Denn Sorgearbeit ist in Österreich noch immer „weiblich“. Die letzten erhobenen Zeitverwendungsdaten aus den Jahren 2008/2009 zeigen, dass zwei Drittel der jährlich 9,7 Milliarden unbezahlten Arbeitsstunden auf Frauen entfallen.

Umverteilung von Arbeit als Zukunftsfrage

Für die Gleichstellung von Frauen am Arbeitsmarkt ist es jedoch essentiell, Erwerbs- und Sorgearbeit gerecht aufzuteilen. Denn die ungleiche Verteilung führt zu hohen Einkommens- und Pensionsunterschieden zwischen Frauen und Männern. Aber auch zunehmend mehr Männer nehmen die traditionellen Rollenzuschreibungen als belastend und limitierend wahr.
Als Gesellschaft müssen wir uns letztlich die Frage stellen, wie viel Arbeit überhaupt auf einen Menschen entfallen soll. Das ist eine große Zukunftsfrage, die mit der Digitalisierung der Arbeitswelt noch wichtiger wird. Aber auch Burn-Out und Gesundheitsstatistiken müssen uns zu denken geben. Wir stehen vor großen Umbrüchen in der Arbeitswelt. Jetzt ist die Zeit, sie zukunftsfähig und das heißt eben auch geschlechtergerecht zu gestalten.

Für ein gutes Leben für alle

Was gilt es also zu tun? Als arbeit plus stehen wir für die volle Gleichstellung und Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt und für eine gerechte Verteilung von Arbeit insgesamt. Dabei kommt Modellen der Arbeitszeitverkürzung eine wichtige Rolle zu: Sie würden nicht nur typisch „weibliche“ Arbeitsverhältnisse aufwerten, sondern Einkommens- und Pensionsunterschiede zwischen Frauen und Männern verringern. Letztlich ist unser Ziel, ein gutes Leben für alle durch qualitätsvolle Arbeit zu ermöglichen und Erwerbs- und Sorgearbeit unabhängig vom Geschlecht und ohne Überforderung im Leben verbinden zu können.

*Dieser Kommentar von Schifteh Hashemi ist im Magazin Arbeitsmarktpolitik AKTIV von arbeit plus Wien erschienen.