Investitionen in die aktive Arbeitsmarktpolitik schaffen Chancen und kommen mehrfach zurück

8. Mai 2026

Pressekonferenz mit AK-Präsidentin Renate Anderl und Manuela Vollmann (arbeit plus) am 8. Mai 2026 in der Radstation, Wien

103.322 arbeitslose Menschen sind in Österreich Ende April 2026 langzeitbeschäftigungslos. Beinahe jede dritte arbeitslose Person. Ein Anstieg von 13,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. AK-Präsidentin Renate Anderl und arbeit plus Vorstandsvorsitzende Manuela Vollmann machten in der Wiener Radstation deutlich: Die aktive Arbeitsmarktpolitik muss im Doppelbudget 2027/2028 ausgebaut werden, nicht gekürzt.

Die Lage am Arbeitsmarkt

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind angespannt. Die Konjunkturprognose wurde nach unten revidiert, eine merkliche Erholung am Arbeitsmarkt ist 2026 nicht zu erwarten. Knapp 400.000 Menschen sind in Österreich derzeit arbeitsuchend (inklusive Schulungen).

Die Langzeitbeschäftigungslosigkeit steigt durch alle Erwerbsgruppen hinweg. Bei Akademikerinnen und Akademikern liegt das Plus bei den Arbeitslosen mit 27,7 Prozent besonders hoch und der Anteil an den langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen liegt bei 29%. Auch die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit verlängert sich auf 134 Tage, das sind zehn Tage mehr als im Vorjahresvergleich.

Frauen sind stärker betroffen, vor allem in Handel und Gesundheits- und Sozialwesen. Bei den arbeitsuchenden Frauen inklusive Schulungsteilnehmerinnen liegt das Plus bei 5 Prozent. 42 Prozent der Langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen sind 50 Jahre und älter. Bei Personen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen liegt der Anteil von langzeitbeschäftigungslosen Menschen an allen Arbeitslosen bei 50 Prozent.

Das AMS-Förderbudget steht unter Druck

Der Budgetpfad für die aktive Arbeitsmarktpolitik ist negativ. Laut längerfristigem Plan des AMS sollen 2027 österreichweit rund 180 Millionen Euro eingespart werden, 2028 fast weitere 200 Millionen Euro. Zusätzlich stehen rund 15 Prozent an Förderkürzungen aus der Förder-Taskforce in Diskussion.

Bereits 2026 stehen dem AMS in der aktiven Arbeitsmarktpolitik faktisch weniger Mittel zur Verfügung. Im Jahr 2026 beträgt das Förderbudget etwas mehr als 1,4 Milliarden Euro. Auf den ersten Blick eine leichte Erhöhung gegenüber 1,37 Milliarden Euro im Jahr 2025. Tatsächlich wird 2026 erstmals die Nachfolge-Förderung der Bildungskarenz, die Weiterbildungszeit, aus dem Förderbudget bestritten. Auch die neu eingeführte Aktion 55+ bindet zuvor frei verfügbare Fördermittel.

Die Inflation der letzten Jahre hat das Budget real geschrumpft. Sichtbar wird das an den rückläufigen Zahlen: minus 3,4 Prozent bei den Schulungsteilnehmerinnen und Schulungsteilnehmern im Vorjahresvergleich, ein Rückgang bei den Plätzen in arbeitsmarktpolitischen Beratungs- und Betreuungseinrichtungen sowie Platzreduktionen bei Sozialökonomischen Betrieben und Beschäftigungsprojekten. Investitionen, die mehrfach zurückkommen

In wirtschaftlich herausfordernden Zeiten ist es entscheidend, in gute Beratung, in Qualifizierungen und in eine bessere Beschäftigungsintegration der Menschen zu investieren. Denn das sind Investitionen in die Zukunft und in die Chancen der Menschen. Wer hier spart, spart an der Zukunft unseres Landes.” Renate Anderl, Präsidentin der Bundesarbeitskammer

Ausgaben in die aktive Arbeitsmarktpolitik amortisieren sich für den Staat bereits innerhalb von fünf Jahren wieder vollständig (Synthesis, 2016). Dazu kommen die individuellen Effekte: höhere Einkommen, stabilere Beschäftigung und positive Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden.

Allein bis 2030 gehen knapp 300.000 Personen aus systemrelevanten Berufen in Pension, vor allem im mittleren Segment der Lehre. Gleichzeitig steigt durch die ökologische Umstellung der Wirtschaft, durch Digitalisierung und durch wachsende Pflegebedarfe die Nachfrage nach zeitgemäß qualifizierten Fachkräften.

Soziale Unternehmen: Mehrwert seit über 40 Jahren

„Soziale Unternehmen wurden genau für solche wirtschaftlich schwierigen Zeiten und zur Bekämpfung einer hohen Erwerbsarbeitslosigkeit gegründet. Es war und ist eine Investition in eine aktive und innovative Arbeitsmarktpolitik, die sich dreifach rechnet: volkswirtschaftlich, gesellschaftlich, und demokratisch.” Manuela Vollmann, Vorstandsvorsitzende arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich.

Im Netzwerk von arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich vereinen sich rund 150 gemeinnützige Soziale Unternehmen an knapp 500 Standorten. Sie haben seit über 40 Jahren Expertise im beruflichen Wiedereinstieg, durch Beratung, Qualifizierung und Beschäftigung.

Soziale Unternehmen stärken Kompetenzen, qualifizieren für neue Themen wie Digitalisierung und begleiten Menschen persönlich. Ein echtes Kompetenz-Update, das Empowerment ermöglicht. Damit profitieren auch die Unternehmen, weil sie Zugang zu zeitgemäß qualifizierten Fachkräften erhalten.

Die Wirkung ist konkret und sichtbar, vom Burgenland bis Vorarlberg. Soziale Unternehmen sind etablierte Partnerinnen der österreichischen Wirtschaft. Mit Salinen Austria im Bildungszentrum Salzkammergut. Mit SPAR über Perspektive Handel in Niederösterreich. Mit der Post in Burgenland und Salzburg. Mit der Stadt Innsbruck über das Stadtrad von WAMS. Und hier in Wien mit der Radstation. Begleitet werden die Menschen über die Maßnahme hinaus, damit sie im Job bleiben. Das ist nachhaltige und inklusive Integration.

Was Kürzungen bedeuten würden

Kürzungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik haben direkte und indirekte Folgekosten. Die Zahl der von Arbeitslosigkeit betroffenen Personen steigt, weil Personal bei den Trägern arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen abgebaut werden muss. Bei steigender Arbeitslosigkeit und gleichbleibender Zahl an AMS-Beraterinnen und Beratern ist weniger Beratung und Betreuung möglich. Damit verlängert sich die Dauer der Arbeitslosigkeit. Eine WIFO-Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass weniger Personal eine längere Suchdauer zur Folge hat.

Direkte Folge sind höhere Kosten in der Existenzsicherung arbeitsloser Personen, also bei Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe. Dem Staat entgehen Einnahmen durch geringere Beschäftigung, also weniger Einkommenssteuer und weniger Sozialversicherungsbeiträge. Indirekt dämpfen Kürzungen den wirtschaftlichen Aufschwung. Die benötigten Fachkräfte stehen nicht ausreichend zur Verfügung, der private Konsum geht zurück. Hinzu kommen Folgekosten im Gesundheitsbereich, weil längere Arbeitslosigkeit Auswirkungen auf physische und psychische Gesundheit hat.

Zwei Hebel für die Zukunft

Damit die Wirkung Sozialer Unternehmen weitergeht, braucht es zwei Hebel.

Erstens: Der Mehrwert ist da, die Finanzierung muss dem folgen. Die geplante Stabilisierung des AMS-Budgets im Doppelbudget 2027/2028 ist ein wichtiges Signal. Angesichts der aktuellen Situation reicht Stabilisieren aber nicht. Die Mittel müssen ausgebaut werden. Verwaltungstechnisch sinnvoll sind dabei ressortübergreifende Investitionsmodelle, die den Mehrwert Sozialer Unternehmen über die Ressorts hinweg ausschöpfen.

Zweitens: Ein Maßnahmenmix mit zielgruppenspezifischen Angeboten. Junge Menschen, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Frauen und Männer haben unterschiedliche strukturelle Rahmenbedingungen. Genau darauf müssen die Maßnahmen antworten.

Wirken kann das nur im Zusammenspiel der drei zentralen Player: Politik, Wirtschaft und Soziale Unternehmen. Die Politik setzt den Rahmen, das Budget ist Ausdruck dieses Rahmens. Die Wirtschaft stellt ein. Soziale Unternehmen qualifizieren und beschäftigen. Erst dieses Zusammenspiel schafft Mehrwert für die Menschen, die Wirtschaft und die Gesellschaft.

Forderungen von AK und arbeit plus

  • Investitionen in die Arbeitsmarktpolitik sind Investitionen in die Zukunft unseres Landes. Wir dürfen hier nicht sparen, sondern müssen aktiv handeln.
    • Keine Einsparungen im Förderbudget des AMS, damit Arbeitsuchende individuell bestmöglichst unterstützt werden können und auch jene Arbeitskräfte ausgebildet werden können, die künftig auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden.
  • Offensivmaßnahmen für den Arbeitsmarkt mit Maßnahmen für die Zielgruppen:
    • Qualifizierungsoffensive gemeinsam mit Sozialen Unternehmen, mehr Mittel für die nachhaltige Arbeitsmarktintegration junger Menschen, gezielte Maßnahmen für Frauen, individuellere und nachhaltige Unterstützung für langzeitbeschäftigungslose Personen.
    • Sicherung der Finanzierung: Die durch das Zwischenparken verursachten Kosten müssen von den Unternehmen getragen werden. 
  • Die ESF-Mittel sind nur bis Ende 2027 gesichert. Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass auch danach ausreichende Mittel zur Verfügung stehen.

Quellen: AMS Österreich, Übersicht aktuell, April 2026; gemeinsame Pressekonferenz-Unterlage von AK Wien und arbeit plus, Mai 2026; Synthesis (2016); WIFO-Studie (2017).

Wie viele Menschen sind in Österreich langzeitbeschäftigungslos?

Wie viele Menschen sind in Österreich langzeitbeschäftigungslos?

Im April 2026 waren in Österreich 103.322 arbeitslose Menschen als langzeitbeschäftigungslos vorgemerkt. Das entspricht einem Anstieg von 13,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Beinahe jede dritte arbeitslose Person ist länger als ein Jahr ohne reguläre Beschäftigung. (Quelle: AMS Österreich, April 2026)

Was fordern AK und arbeit plus für das Doppelbudget 2027/2028?

AK und arbeit plus fordern, das Budget für die aktive Arbeitsmarktpolitik im Doppelbudget 2027/2028 auszubauen statt zu kürzen. Konkret: keine Einsparungen im AMS-Förderbudget, eine Qualifizierungsoffensive gemeinsam mit Sozialen Unternehmen, zielgruppenspezifische Maßnahmen für junge Menschen, ältere Arbeitnehmer:innen und Frauen, sowie die Sicherung der ESF-Mittel über 2027 hinaus.

Was sind Soziale Unternehmen in der österreichischen Arbeitsmarktpolitik?

Soziale Unternehmen sind gemeinnützige Betriebe, die langzeitbeschäftigungslose Menschen qualifizieren und beschäftigen. In Österreich vereinen sich rund 150 Soziale Unternehmen an knapp 500 Standorten im Netzwerk arbeit plus. Sie haben seit über 40 Jahren Expertise im beruflichen Wiedereinstieg durch Beratung, Qualifizierung und Beschäftigung.

Warum sollen Investitionen in die aktive Arbeitsmarktpolitik nicht gekürzt werden?

Investitionen in die aktive Arbeitsmarktpolitik amortisieren sich für den Staat innerhalb von fünf Jahren wieder vollständig (Synthesis, 2016). Kürzungen verursachen langfristige Folgekosten: höhere Ausgaben in der Existenzsicherung, weniger Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge, Einbußen bei privatem Konsum und höhere Kosten im Gesundheitsbereich.

Wer ist besonders von Langzeitbeschäftigungslosigkeit betroffen?

Besonders betroffen sind ältere Arbeitnehmer:innen: 42 Prozent der Langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen sind 50 Jahre und älter. Bei Personen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen liegt der Anteil von langzeit-beschäftigungslosen Menschen an allen Arbeitslosen bei 50 Prozent. Auch bei Akademiker:innen ist der Anstieg mit 27,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr besonders hoch.

Was ist das AMS-Förderbudget 2026?

Das AMS-Förderbudget für die aktive Arbeitsmarktpolitik beträgt 2026 etwas mehr als 1,4 Milliarden Euro. Real ist der Spielraum allerdings enger geworden: Die neu eingeführte Weiterbildungszeit (Nachfolge der Bildungskarenz) und die Aktion 55+ binden zuvor frei verfügbare Mittel. Laut längerfristigem AMS-Plan sollen 2027 rund 180 Millionen Euro eingespart werden, 2028 weitere knapp 200 Millionen.

Was ist Zwischenparken am Arbeitsmarkt?

Vom Zwischenparken spricht man, wenn Unternehmen Mitarbeitende kurzfristig beim AMS abmelden, also in die Arbeitslosigkeit schicken, und sie später wieder einstellen. Damit sparen Unternehmen Personalkosten, die Kosten der Arbeitslosigkeit trägt die Allgemeinheit. AK und arbeit plus fordern, dass diese Kosten von den Unternehmen getragen werden, die das Zwischenparken verursachen.