Das Salz der Erde – Regionale Held:innen: Bildungszentrum Salzkammergut


In Ebensee füllt ein Soziales Unternehmen Salzprodukte für die Salinen Austria AG ab – täglich 30 Paletten, über 50 Artikel. Was nach einer Produktionszahl klingt, ist in Wirklichkeit eine Geschichte über Menschen, die wieder Tritt fassen.

In den alten Gemäuern der Weberei von Ebensee liegt Salz in der Luft. Nicht im übertragenen Sinne – buchstäblich. Wer die Produktionshalle des Bildungszentrums Salzkammergut betritt, riecht es sofort: diesen leichten, mineralischen Hauch, der sich in die Kleidung setzt. Über zwanzig Menschen stehen hier an Abfüllstationen, wickeln Folien, sortieren Etiketten. Die meisten von ihnen waren vor wenigen Monaten noch arbeitslos.

Was sie hier produzieren, findet sich in den Küchen der Republik: Bad Ischler Tafelsalz, Microdosen für die Gastronomie, die neuen Easy Spices-Gewürzmischungen der Salinen Austria AG. Täglich dreißig Paletten. Über fünfzig verschiedene Artikel. Die Salinen Austria AG – Herrin über das älteste Industrieunternehmen Österreichs – hat diesen Auftrag nicht aus einem Gefühl der Verantwortung vergeben. Sie hat ihn vergeben, weil das BIS liefert – zuverlässig, täglich, auf Industrieniveau.

„Für uns ist das BIS ein wichtiger Abfüller von Eimern und anderen Gebinden“, sagt Ariane Herzog, Vorständin für Technik und Produktion bei der Salinen Austria AG. Dann fügt sie hinzu: „Und wir freuen uns, gleichzeitig ein sozial so wichtiges Projekt zu unterstützen.“ Es ist ein Satz, der in seiner Nüchternheit mehr aussagt als jede Imagebroschüre. Die Win-Win-Situation, wie Herzog es nennt, ist längst gelebte Realität.

Dreißig Jahre. Dreißig Paletten täglich.

Das Bildungszentrum Salzkammergut – kurz BIS – existiert seit 1993. Damals war es eine klassische Erwachsenenbildungseinrichtung, gegründet mit dem Anspruch, benachteiligten Menschen in einer wirtschaftlich schwierigen Region Perspektiven zu geben. Das Salzkammergut ist schön. Es ist auch abgelegen. Wer hier seinen Job verliert – durch einen Unfall, eine Krankheit, eine Firmenschließung –, hat es schwer, einen neuen zu finden.

Über drei Jahrzehnte hat das BIS diese Realität in ein Angebot verwandelt. Heute beschäftigt der gemeinnützige Verein rund 65 Transitmitarbeiterinnen und -mitarbeiter allein am Standort Ebensee – in der Salzwerkstatt, in der Großküche, in Garten- und Tischlerprojekten, in der digitalen Archivierung. Das Geld dafür kommt zu 70 Prozent vom Arbeitsmarktservice und dem Land Oberösterreich. Die restlichen 30 Prozent erwirtschaftet das BIS selbst. Mit echten Aufträgen. Für echte Unternehmen.

Die Kooperation mit der Salinen Austria AG begann vor fünf Jahren mit einer kleinen Versuchsanordnung – ein paar Abfüllstationen, ein überschaubares Volumen. Dann wurde aus dem Versuch Ernst. Die Salinen investierten in Infrastruktur: eine Wickelmaschine, einen Folienschweißtunnel, Lagerräume. Das BIS wuchs mit.

Wir fördern gezielt jene, die Unterstützung benötigen, und tragen damit zur Verringerung der Arbeitslosigkeit und zur Stärkung der regionalen Wirtschaft bei.

Stefan Sifkovits, Geschäftsführer Bildungszentrum Salzkammergut

Acht bis zwanzig Wochen Kompetenzzentrum. Dann die Werkstatt.

Wer zum BIS kommt, kommt meist über das AMS. Die Wege sind verschieden – Langzeitarbeitslosigkeit, Gesundheitsprobleme, ein Leben, das irgendwann aus der Spur geraten ist. Im Durchschnitt sind die Transitmitarbeiterinnen und -mitarbeiter zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Das ist kein Zufall: Es ist das Alter, in dem der Arbeitsmarkt ungnädig wird. Zu alt für viele Stellen, zu jung für die Pension. Eine Lücke, die soziale Einrichtungen schließen.

Acht bis zwanzig Wochen verbringen die Neuankömmlinge im Kompetenzzentrum des BIS. Dort wird Basiswissen vermittelt – nicht nur fachliches, auch soziales. Wie funktioniert ein geregelter Arbeitsalltag? Was bedeutet Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Teamarbeit? Dann geht es in die Werkstätten. In der Salzabfüllung arbeiten die Menschen Seite an Seite mit fest angestellten Kolleginnen und Kollegen. Sechs bis acht Monate, in denen aus Unsicherheit Routine wird und aus Routine manchmal Stolz.

Geschäftsführer Stefan Sifkovits erzählt, was ihm seine Klientinnen und Klienten rückmelden: wie gerne sie in der Salzabfüllung tätig sind. Dass sie stolz darauf sind, für die Salinen Aufträge abwickeln zu dürfen. Es klingt nach einer kleinen Beobachtung. Es ist in Wirklichkeit das Kernversprechen jedes sozialen Unternehmens: dass Arbeit nicht nur Einkommen ist, sondern Identität.

Vierzig Prozent schaffen den Sprung.

Die Vermittlungsquote des BIS liegt bei rund vierzig Prozent. Das bedeutet: Vier von zehn Menschen, die durch das BIS gehen, landen danach in einer regulären Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das ist eine Zahl, die Sifkovits nennt, ohne sie zu dramatisieren. Aber sie verdient einen Moment der Aufmerksamkeit.

In Ebensee. Im Inneren Salzkammergut. In einer Region, wo die nächste Großstadt gut eine Stunde Fahrt entfernt ist und der Arbeitsmarkt überschaubar bleibt. Vierzig Prozent ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis von Struktur, Geduld und der Entscheidung, Lager- und Logistikkenntnisse genauso ernst zu nehmen wie einen Hochschulabschluss.

„Wir können die Transitmitarbeiterinnen und -mitarbeiter auch in Bereichen wie Lager, Logistik und vieles mehr schulen und trainieren“, sagt Sifkovits. Der Output sei eine sehr hohe Vermittlungsquote. Hinter dem Satz stehen Lebensgeschichten.

„Jeder kann in die Lage kommen, Hilfe zu benötigen. Gut, wenn es Strukturen wie das BIS gibt, die dich auffangen.“

Ariane Herzog, Vorständin Technik und Produktion, Salinen Austria AG

Die Wirtschaftslage als Barometer.

Wie viele Menschen das BIS brauchen, hängt von etwas ab, das niemand steuern kann: der Konjunktur. Läuft die Wirtschaft gut, sind weniger Arbeitssuchende am Markt. Dann arbeiten auch viele gesundheitlich beeinträchtigte Menschen in regulären Stellen, weil Unternehmen gar nicht wählerisch sein können. Dreht sich das Blatt, kehren sie zurück. Ins BIS, ins AMS, in die Unsicherheit.

Die österreichischen Arbeitslosenzahlen steigen seit 2024 wieder – im Herbst 2024 waren knapp 280.000 Menschen beim AMS arbeitslos gemeldet, davon über 83.000 langzeitbeschäftigungslos. Gleichzeitig stehen im politischen Diskurs Budgetkürzungen in der Arbeitsmarktpolitik im Raum. Das Netzwerk arbeit plus, in dem das BIS Mitglied ist, schlägt Alarm: Soziale Unternehmen seien kein Kostenfaktor, sondern ein Booster für den Arbeitsmarkt. Jeder investierte Euro komme mehrfach zurück.

In Ebensee nimmt man diese Debatten zur Kenntnis. Und arbeitet weiter. Dreißig Paletten täglich.

Das Älteste und das Neue.

Die Salinen Austria AG ist das älteste Industrieunternehmen Österreichs. Salz wurde im Salzkammergut seit der Hallstattzeit abgebaut – vor über dreitausend Jahren. Die Weberei in Ebensee, in der das BIS heute seine Werkstätten betreibt, ist ein Gebäude aus einer anderen Epoche der regionalen Wirtschaftsgeschichte. Geschichte schichtet sich hier über Geschichte.

Dass ausgerechnet in diesem Gebäude, in diesem Ort, ein Soziales Unternehmen und ein Industriegigant eine Partnerschaft eingegangen sind, die beiden nützt – das hat etwas von einer ruhigen Pointe. Kein Konzept, das in einer Strategie-Präsentation entworfen wurde. Sondern eine pragmatische Entscheidung, die sich bewährt hat.

Vereinsvorsitzende und Bürgermeisterin Sabine Promberger bringt es auf den Punkt: Das BIS sei ein unverzichtbarer Bestandteil der regionalen Bildungslandschaft. Nicht nur als Bildungsort, sondern als Treffpunkt, als Austauschort, als sozialer Klebstoff für eine Gemeinde, die sich um ihre Schwächsten kümmert.

Bildungszentrum Salzkammergut
Salz in der Luft, Konzentration im Blick: Im Bildungszentrum Salzkammergut fassen Menschen wieder Tritt – auf industriellem Niveau, für ein wertvolles Gut. (c)BIS


Soziale Unternehmen sind keine Nische. Sie sind Infrastruktur. 

Hier geht es zu weiteren regionalen Held:innen.

Weitere Infos zum Bildungszentrum Salzkammergut in der arbeit plus Österreich Datenbank.

Das Bildungszentrum Salzkammergut ist Mitglied bei der Sozialplattform Oberösterreich  und bei arbeit plus Österreich.