Wie lebenslanges Lernen gelingt

Im Rahmen der Jahrestagung des Europäischen Sozialfonds am 29. November in Wien hielt Bildungswissenschaftlerin Monika Kastner von der Universität Klagenfurt einen spannenden Vortrag zum „Lebenslangen Lernen“. Erfahren Sie hier ihre wichtigsten Punkte zu diesem Thema.

  1. Erwachsenenbildung, stärker noch die Weiterbildung, die mit beruflichem Lernen verbunden ist, wird im Kontext des Lebenslangen Lernens verstärkt unter einer Perspektive der Verwertbarkeit gesehen und das ist eine Engführung. Die Unterstützung der Integration in den Arbeitsmarkt durch Bildung und Weiterbildung ist ohne Zweifel wichtig. Sie darf aber – argumentativ gesehen – nicht das alleinige Begründungsmuster für Bildung sein. Bildung muss dem Subjekt dienen und hierzu gehört die Vorbereitung auf den Beruf und die Integration in berufliche Tätigkeiten ganz klar dazu. Bildung muss aber auch der Gesellschaft dienen und ihrer Weiterentwicklung.
  2. Erwachsenenbildung ist lebenslang im Sinne des Lernens über die Lebensspanne, vom jungen über das mittlere bis hin zum höheren Lebensalter. Erwachsenenbildung ist lebensweit im Sinne vielfältiger Themen und Orte des Lernens und der Bildung. Und Erwachsenenbildung ist – im besten Falle – lebenstief, das heißt, sie trägt zur positiven Transformation von Subjekten und Kollektiven und letztlich der Gesellschaft bei.
  3. Erwachsenenbildung konstituiert sich im Spannungsfeld von Subjekt, Arbeit und Gesellschaft. Damit ist gemeint, dass Erwachsenenbildung unter einer ganzheitlichen Perspektive gedacht wird. Bildung ist mehr als instrumentelles Lernen, Bildung geht über Qualifizierung und Schulung weit hinaus. Es geht um politische Teilhabe, um gesellschaftliches Zusammenleben, um berufliche Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit und um persönliche Identität. Erwachsenenbildung ermöglicht hierfür Kompetenzentwicklung, sie ermöglicht oder begleitet biografische Neuorientierung und sie kann und soll natürlich einen Beitrag zur individuellen Arbeitsplatzsicherheit leisten.
  4. Erwachsenenbildung kann auf Zukunft gleichsam lernend vorbereiten bzw. künftige Anforderungen oder Herausforderungen in den Blick nehmen. Stichwörter sind u.a. Bildung für nachhaltige Entwicklung bzw. Globales Lernen, aber auch: Schlüsselkompetenzen wie Lernbereitschaft und Lernfähigkeit oder auch Community Education oder Bildung in der und für die Migrationsgesellschaft oder auch Digitalisierung. Es geht letztlich um die Frage, wie wir künftig als Individuen, als Kollektive, als Gesellschaft arbeiten, lernen und zusammenleben wollen.

    Bildungswissenschaftlerin Monika Kastner: „Letztlich sollte Erwachsenenbildung dem Wohlergehen der Menschen dienen.“

  5. Lernen und Bildung sind nicht nur in gesellschaftliche Modernisierungsprozesse eingebettet, sondern sie sind auch in gesellschaftliche Differenzverhältnisse eingebettet wie zum Beispiel Geschlecht, Alter, soziale Herkunft, natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit. Diese tragen wesentlich zum ungleichen Zugang Erwachsener zu Bildungsmöglichkeiten bei. In der Erwachsenenbildung gilt nämlich das Matthäus-Prinzip: Wer Bildung hat, dem wird mehr Bildung gegeben.
  6. Erwachsenenbildung hat den Anspruch, nicht nur bereits bildungsaktive und von sich aus „bildungswillige“ Menschen zu erreichen. Und das ist gut so! Erwachsenenbildung will mit ihren Angeboten insbesondere auch benachteiligte Zielgruppen gewinnen. Dazu ist es wichtig, sich gegen die gängige Defizitorientierung zu wenden. Bildungsbenachteiligte Menschen dürfen nicht als beschulungs-bedürftige Defizitträger gesehen werden. Es handelt sich um junge Erwachsene und Erwachsene, die mit ihren Bedürfnissen, ihren Voraussetzungen, ihrer Geschichte und ihren Vorzügen, ihren Ressourcen und Kompetenzen ernst zu nehmen und wahrzunehmen sind.
  7. Lernmotivation baut auf erfolgreichem vorangegangenem Lernen auf. Klar ist, dass kompensatorische Bildung für lernungewohnte Menschen Zeit braucht und gut begleitet werden muss. Nachholende Kompetenzentwicklung und nachholende Qualifizierung sind für die Menschen, die das angehen, eine Herausforderung. Das verdient Bewunderung.
  8. Es geht im Kern darum, Menschen in ihrer jeweiligen Lebenssituation anzusprechen und hieraus Lernanlässe zu generieren, denn Lernangebote für Erwachsene müssen letztlich ja sinnstiftend sein.Kleinteilige und niedrigschwellige Kompetenzfeststellungs- und Anerkennungsverfahren können für Benachteiligte eine positive Lernerfahrung darstellen, die zum Weiterlernen motivieren kann. Gerade dann, wenn solche Verfahren mit Beratung gekoppelt werden. Grundsätzlich können dann solcherart festgestellte Lernergebnisse für formale Qualifikationen Anerkennung finden. Durchlässigkeit ist das Zauberwort.
  9. Wichtig ist auch, Lernen und Lernerfolge ganzheitlich zu sehen. Es geht nicht nur um verwertbare Bildungstitel, die natürlich eine Berechtigung haben und auch sehr motivierend wirken können. Es geht um eine allgemeine Menschenbildung, die auf Erhöhung von Selbst- und Weltverfügung abzielt. Es geht darum, Freude an Lernen und Bildung zu erfahren. Es geht darum, Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Es geht darum, als Mensch gestärkt aus Lern- und Bildungsprozessen hervorzugehen. Hierfür ist wichtig, dass TrainerInnen und BeraterInnen in kompensatorischen Angeboten den Teilnehmenden zugewandt sind, dass sie positive Beziehungen anbieten und eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre „auf Augenhöhe“ schaffen.
  10. Erwachsenenbildung ist als kritisch-emanzipatorische Bildung zu betrachten, die Partizipation, Teilhabe, Ermächtigung und Selbst-Ermächtigung, Mündigkeit und kritisches Denken als wesentliche Bezugs- und Zielpunkte anerkennt und zu deren Realisierung beitragen möchte. Erwachsenenbildung sollte – gerade für Benachteiligte – einen Beitrag zur Erhöhung von Selbstverfügung und Weltverfügung leisten. Letztlich sollte Erwachsenenbildung dem Wohlergehen der Menschen dienen.

Den gesamten Vortrag finden Sie hier zum Download:  Vortrag Kastner