Vor den Vorhang: Ein Greißler mit gewissen Extras

Wie überlebt heutzutage ein kleines Lebensmittelgeschäft in einer Bezirksstadt im Waldviertel? Bei lebmit&bunttex (Verein Soziale Initiative Gmünd), den Betreiberinnen des Nah&Frisch-Geschäfts am Schubertplatz 19 verfolgt man folgende Strategie: „Wir versuchen unseren Kundinnen und Kunden gewisse Extras zu bieten, und das funktioniert auch ganz gut“, sagt Sabine Neumann-Jeram, eine der beiden Geschäftsführerinnen des sozialökonomischen Betriebes und damit auch des Ladens

Mehr als nur ein Lebensmittelladen

Im Klartext heißt das: Vor allem ältere KundInnen lassen sich ihre Einkäufe gerne auch mal nachhause liefern, wenn die Sackerl zu schwer zum Tragen sind. Wer krank ist, ruft einfach im Geschäft an. Und wer nach dem Einkauf noch ein bisschen plaudern will, findet in der kleinen Kaffeeecke des Ladens ein Plätzchen zum Ausruhen. Schulkinder und Geschäftsleute wiederum nutzen vor Unterrichts- oder Arbeitsbeginn gerne das Angebot an frischen Jausenweckerln: „Für so ein kleines Geschäft haben wir eine relativ große Feinkostabteilung mit Produkten aus der Gegend“, betont Sabine Neumann-Jeram. Auch lokale Firmen und Institutionen lassen sich vom Schubertplatz für spezielle Events und Feiern Platten mit belegten Brötchen liefern. Dass der Postbus quasi vor der Tür seine Haltestelle hat, belebt zusätzlich das Geschäft.

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Für die sieben Frauen mit und ohne Behinderung, die hier jeweils befristet auf maximal ein Jahr und gefördert vom AMS oder Sozialministeriumsservice im Verkauf tätig sind, soll die Anstellung ein wichtiger Schritt zurück in einen fixen Job sein. Um dieses Ziel zu erreichen, stehen ihnen Sozialpädagoginnen mit Rat und Tat zur Seite: „Es war schon in wirtschaftlich guten Zeiten nicht ganz einfach, für Frauen mit Behinderungen oder speziellen Vermittlungshindernissen einen Arbeitsplatz zu finden. Aber jetzt ist es wirklich schwierig geworden“, sagt Hertha Hiemetzberger, eine der Diplomsozialarbeiterinnen des sozialökonomischen Betriebes. Dazu komme der strukturelle Wandel in der Region Waldviertel: „Viele Unternehmen und Fabriken, etwa im Bereich der Textil- und Glasindustrie, sind abgewandert. Die Betriebe hier in der Region sind Klein- und Mittelbetriebe. Sie kämpfen manchmal selbst ums Überleben, da kann man es ihnen nicht verdenken, wenn sie kaum Leute aufnehmen. Es gibt einfach zu wenige Jobs, vor allem für niedrig qualifizierte Personen.“

Immer mehr Frauen, die die Sozialarbeiterinnen bei lebmit&bunttex sozialpädagogisch begleiten, hätten zudem mit physischen und psychischen Problemen zu kämpfen: Neben umfassenden Kinderbetreuungspflichten und mangelnder Mobilität (kein Führerschein, oder ein Auto nicht finanzierbar) seien das die größten Vermittlungshindernisse. Hertha Hiemetzberger sagt, viele Frauen hielten dem steigenden Druck am 1. Arbeitsmarkt nicht (mehr) stand: „Die Frauen wollen aber arbeiten. Bei uns können sie sich schrittweise wieder an ihre volle Leistungsfähigkeit heran-arbeiten “.

Stufenweise zu einem neuen Job

Möglich macht dies das Niederösterreichische „Stufenmodell der Integration“, das lebmit & bunttex seit Jänner 2014 anwendet. Hier werden Menschen mit besonders langer Erwerbslosigkeit bzw. mit physischen und/oder psychischen Beeinträchtigungen Schritt für Schritt ans Erwerbsleben herangeführt. Die „Stufen“ reichen dabei vom Clearing und stundenweiser betreuter Beschäftigung über Arbeitstraining und Transitarbeit bis hin zu Übergangsarbeitsplätzen und Nachbetreuung.

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