Europaweit vernetzt in Sachen Integration in den Arbeitsmarkt

Charlotte Gruber* im Interview über das europäische Netzwerk ENSIE, bei dem bdv austria schon Gründungsmitglied war.

1) bdv austria ist auf Europa-Ebene im European Network for Social Integration Enterprises (ENSIE) vernetzt. Was ist ENSIE genau, wer gehört dazu?

Charlotte Gruber: ENSIE ist ein europäisches Netzwerk von Sozialen Integrationsbetrieben (englisch: work integration social enterprises, WISE). Bei diesen Unternehmen geht es also darum, arbeitslose Personen durch Beschäftigung beim (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. Es vertritt die Interessen und Anliegen von Sozialen Integrationsunternehmen auf europäischer Ebene, hält Kontakte zu den relevanten Abteilungen in der EU Kommission (Arbeit und Soziales, Binnenmarkt, Wettbewerb) und zum EU Parlament.

Besonders freut mich, dass bei der letzten Generalversammlung im Juni in Porto wieder zwei neue Mitglieder dazugekommen sind, nämlich die Niederlande und Bulgarien. Damit hat ENSIE nun 26 Mitglieder aus 20 europäischen Ländern (18 EU Mitgliedsstaaten plus Schweiz und Serbien).

ENSIE ist auch Mitglied von Social Economy Europe, einem Zusammenschluss von verschiedenen Netzwerken von Kooperativen, Stiftungen und Gesellschaften auf Gegenseitigkeit und der Social Platform, einer breiten Plattform von Netzwerken und Organisationen aus dem Sozialbereich.

2) Was sind die zentralen Anliegen dieses europaweiten Netzwerkes?

Gruber: ENSIE versteht sich als Interessensvertretung für Soziale Integrationsbetriebe. Wir möchten die Rahmenbedingungen für diesen Bereich auf europäischer Ebene mitgestalten.

Die wichtigsten Betätigungsfelder von ENSIE sind demnach:

  •  den Austausch und die Zusammenarbeit unter den Mitgliedsnetzwerken zu unterstützen
  • die Verfassung von Stellungnahmen und Positionspapieren, um die EU Politik im Bereich Arbeitsmarktpolitik und Kampf gegen soziale Ausgrenzung mitzugestalten und
  • eine enge Zusammenarbeit mit anderen europäischen Netzwerken

ENSIE unterstützt dabei folgende Ziele der EU zu einer nachhaltigen Entwicklung:

  • Integration in den Arbeitsmarkt sowie soziale Inklusion von benachteiligten Personengruppen durch Erhöhung ihrer Beschäftigungschancen und Produktivität
  • Stärkung der Rolle und Wirtschaftlichkeit der Sozialen Integrationsbetriebe im gesamtwirtschaftlichen Umfeld
  • Förderung von Gleichstellung und Chancengleichheit

3) bdv austria ist seit den Anfängen (2001) dabei, war sogar Gründungsmitglied. Wie hat sich ENSIE im Laufe der Jahre verändert?

Gruber: ENSIE hat sich seit seiner Gründung stetig vergrößert und zunehmend an Bedeutung gewonnen. Bei der Gründung von ENSIE waren nur sechs Netzwerke aus fünf Ländern (Belgien, Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien) beteiligt, sowie CECOP, ein europäischer Verband von Genossenschaften, der allerdings seit 2010 kein Mitglied mehr ist.

Allen voraus den belgischen Mitgliedern ist es zu verdanken, dass durch die Teilnahme an vielen EU Veranstaltungen ENSIE immer wieder in den Blickpunkt gerückt werden konnte. Die Bestellung einer Koordinatorin legte dann den Grundstein zu einer kontinuierlichen Professionalisierung, durch die Teilnahme an diversen Projekten konnte eine zweite Person fix angestellt werden. Seit 2011 erhält ENSIE im Rahmen des PROGRESS Programms auch eine Förderung der Netzwerkarbeit.

Mittlerweile ist ENSIE ist zu einem anerkannten Netzwerk für Beschäftigung von benachteiligten Personengruppen geworden und wird immer öfter zu Tagungen und Konferenzen als Inputgeber eingeladen.

4) Welche sind die wichtigsten gegenwärtigen Projekte?

Gruber: ENSIE ist Mitglied in der ExpertInnengruppe der EU zum Sozialen Unternehmertum (GECES) und engagiert sich besonders in den Themenbereichen Öffentliche Vergabe von Aufträgen und Wirkungsmessung. Das Netzwerk nimmt auch in öffentlichen Konsultationen zu EU Richtlinien Stellung und bezieht darin die Positionen der einzelnen Mitgliedsnetzwerke ein. 2014 wurden bereits Positionspapiere zu den Regelungen der Mehrwertsteuer für öffentliche Einrichtungen und Steuerbefreiungen im öffentlichen Interesse sowie zu Staatlichen Beihilfen und Ausnahmeregelungen verfasst.

Zudem ENSIE ist Träger des Projektes Europe4all, das die Bürgerbeteiligung an EU Themen stärken soll. Weiters ist ENSIE Partnerin in dem Projekt RE:DIALOGUE (Stärkung Mitarbeiterbeteiligung in den Unternehmen und des sozialen Dialogs mit den Sozialpartnern). Auch bei der soeben zu Ende gegangenen EU-Konferenz der Sozial- und ArbeitsministerInnen in Mailand hat sich ENSIE zum Thema Sozialwirtschaft eingebracht.

5) Worin sehen Sie die zentralen Herausforderungen der Zukunft?

Gruber: Ich denke, es geht vor allem um die weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen, den Auf- und Ausbau der sozialwirtschaftlichen Unternehmen in den neuen Mitgliedsstaaten in Osteuropa, die Entwicklung und Verbreitung aussagekräftiger Instrumente zur Wirkungsmessung, sowie um die Zukunftsthemen Vergabe von öffentlichen Aufträgen und steuerliche Behandlung von Sozialen Integrationsbetrieben. Zudem werden wir natürlich weiterhin daran arbeiten, die europäischen Kontakte zu wichtigen Netzwerken und EU-Institutionen zu intensivieren.

* Charlotte Gruber ist als „Senior Expert“ im Vorstand von ENSIE und vertritt ENSIE auch in der „Social Platform“. Ebenfalls aus Österreich im ENSIE-Vorstand ist bdv austria-Vorstandsvorsitzende Manuela Vollmann. (Sie vertritt bdv austria bei ENSIE).